Rubrik: Interview

Interview

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Ab aufs Bänkli

Wie Renate Albrecher das Bänkli-Image kultiviert

Von Tina Wintle

In der Schweiz gibt es insgesamt rund 200 000 öffentliche Bänkli zum Hinsetzen und Ausruhen. Wo sich diese Bänkli genau befinden, wie man dort hingelangt und wie sich die Umgebung um diese Bänkli herum gestaltet, kann man auf einer neuen Bank-Landkarte nachschauen. Ein regelrechtes Bänkli-Fieber hat diese Landkarte im letzten Jahr ausgelöst, das auch den Kanton Glarus nicht verschonte. Die «Glarner Woche» nutzte die Gelegenheit und lud damals verschiedene Glarner Bankdirektoren zum Gespräch über «Bankgeheimnisse» auf die Bank.
Während der Winterpause versanken die Glarner Bänkli im Schnee und somit kurzzeitig in Vergessenheit, bis sie Anfang Frühling wieder zum Sitzen, Schwatzen und Träumen einluden. Gleichzeitig erwachte auch eine weitere «Bänkliidee» der «Glarner Woche» zu neuem Leben, nämlich die Präsidentin des Vereins Bankkultur und Initiantin des Projekts, Renate Albrecher, auf die Bank zum Gespräch einzuladen. Albrecher ist die Frau, die den Verein Bankkultur vor drei Jahren gründete und die digitale Landkarte mit den Bankstandorten schweizweit unterhält.
Weit über 15 000 Bänkli wurden auf dieser Plattform im Laufe weniger Monate in der ganzen Schweiz markiert und dokumentiert, alleine im Kanton Glarus sind es über 500 dokumentierte Sitzbänke – mehr als die Hälfte aller im Glarnerland existierenden Bänkli.
Es bildeten sich Communities und Fotografen-Gruppen, die auch heute noch Standorte diskutieren, sich auf die Suche nach unentdeckten Sitzgelegenheiten machen und lebendige Gespräche zum Thema Bankkultur führen. Damit hat der Verein Bankkultur eines der erfolgreichsten öffentlich-kulturellen Online-Crowdsourcing Projekte der Schweiz durchgeführt.
Im aktuellen Jahr ist es nicht etwa ruhig um die Bänkli geworden: 2019, im Jahr des Wanderns, realisiert der Verein Bankkultur wieder ein Projekt: Eine aussergewöhnliche Sitzbank wandert durch die Schweiz und bildet mit ihren Aufenthalten bei Gastgebern eine Veranstaltungsreihe quer durch alle vier Sprachregionen und durch neun Kantone.

www.wanderbank.ch. Die Bank macht Ende September in Elm halt.

 

Renate Albrecher, ein Bänkli ist doch etwas ganz Alltägliches, oder?
Ein Bänkli ist alltäglich speziell. Auf einem Bänkli sitzen bedeutet für mich eine Auszeit geniessen. Ein Bänkli ist ein ganz spezieller Ort, wo das Leben ein bisschen anders funktioniert als sonst. Es wird still und es gelten andere Regeln. Ich verknüpfe verschiedene Gefühle und Geschichten mit verschiedenen Bänkli.

Verraten Sie uns ein solches privates Bänkligefühl?
Ich bin in einer total abgelegenen Gegend aufgewachsen. Dort gab es keine Nachbarn und auch sonst nichts. Nur eine Bank stand in meiner Strasse, und da kamen Wanderer vorbei. Ich habe mich also oft auf die Bank gesetzt und kam so mit den vorbeiwandernden Menschen in Kontakt.
Eine Bank im Freien ist ein Ort, wo man sich hinsetzen darf und mit den Leuten ins Gespräch kommt.

Ist ein Bänkli ein Treffpunkt für einsame Menschen?
Ein Bänkli ist auch ein sozialer Treffpunkt. Man kann nett ein paar unverbindliche Worte wechseln und dann geht jeder wieder seines Weges. Ich weiss aus meiner Erfahrung mit meiner Bänkli-Arbeit, dass für viele Leute diese paar Worte mit jemandem der einzige soziale Kontakt am Tag sind. Ein Bänkli ist auch ein Ort, wo man gut alleine hingehen und sich setzen kann, anders etwa als alleine in ein Café zu gehen, das ist schwieriger. Alleine auf einer Bank zu sitzen, braucht keine Rechtfertigung.

Lässt sich die Schweizer Bankkultur in Zahlen fassen?
Zu Beginn meiner Beschäftigung mit Bänkli habe ich oft mit Gemeinden oder Städten telefoniert, die dann selten wussten, wie viele Bänkli auf ihrem Gebiet eigentlich insgesamt stehen.
Also bin ich selbst losgezogen mit einer Kamera, bin durch die Gemeinden der Schweiz gelaufen und habe nebenbei auch Internetrecherche betrieben. Ich bin darauf gekommen, dass es im Schnitt zirka 30 Bänkli pro Schweizer Gemeinde gibt. Bei den Städten sieht die Zahl anders aus, da komme ich auf einen Schnitt von zirka 700 bis 800. Das ergibt dann über den Daumen gepeilt eine Zahl von 200 000 Bänkli in der Schweiz.

Wer bestimmt, wo ein Bänkli zu stehen kommt?
Da gibt es verschiedene Akteure. Die Gemeinden haben oft einen pragmatischen Umgang mit Bänklis: Das heisst, unabhängig von schönen oder weniger 
schönen Plätzen wird alle so und so viele Meter ein Bänkli gesetzt, damit Menschen mit Gehbehinderungen die Möglichkeit haben, sich hinzusetzen.
Dann gibt es die Verkehrs- oder Verschönerungsvereine. Wenn diese Vereine Sitzbänke aufstellen, hat das einen anderen Charakter, weil sie die Kraftorte eines Gebiets kennen, Orte, an die man sich automatisch hingezogen fühlt.

Sie sind gebürtige Österreicherin, leben seit vielen Jahren in Lausanne und haben davor international gearbeitet. Wie kommen Sie als Soziologin darauf, sich mit der Schweizer Bankkultur zu beschäftigen?
Der Zeitpunkt für etwas Neues war gerade richtig. Die Idee ist aus einem persönlichen Bedarf heraus entstanden.
Als ich vor zehn Jahren neu in die Schweiz kam, interessierte ich mich dafür, wo die schönen Plätze in der Natur sind. Auf meinen Entdeckungstouren fiel mir auf, dass es dort, wo es schön ist, oft auch ein Bänkli hat. Wenn ich also weiss, wo die Bänkli stehen, kann ich meine Wanderungen danach ausrichten. Da es bis dahin kein Verzeichnis gab, ist das Projekt der Bänkli-Landkarte entstanden.

Ein Projekt, das einschlug und innert kurzer Zeit Tausende Fans in seinen Bann zog.
Sich mit der Schweizer Bankkultur zu beschäftigen, ist sehr ansteckend. Wie ein Virus! Es gibt unterdessen einen regelrechten Banktourismus.
Das heisst, es gibt Leute, die reisen umher, um Fotos von Sitzgelegenheiten zu machen, die auf unserer Bänkli-Landkarte noch nicht registriert sind. Unsere Community ist sehr fleissig, wir haben beispielsweise über 30 000 Kommentare und Fotos, die in den virtuellen Bänkli-Büchern veröffentlicht wurden.

Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Es ist der Humor des Augenzwinkerns dabei. Und das Thema spricht emotional an. Ein Bänkli ist nicht nur ein Objekt, es ist eine Emotion. Wenn man auf einer Bank sitzt, erlebt man oft emotionale Momente. Das können romantische Gefühle sein oder nachdenkliche. Oder man trifft Entscheidungen auf einer Bank, legt Pausen ein, kommt zur Ruhe. Es geht auch um das Gefühl der Neugierde: Mit wem teile ich diese Bank, diese Sicht? Wer hat hier schon gesessen, sinniert und ebenfalls in die gleiche Richtung geschaut? In Montreux etwa gibt es Bänkli, die auflisten, welche berühmten Persönlichkeiten oder Besucher der Stadt hier schon gesessen sind.

Wie lange gibt es schon Bänkli in der Schweiz?
Seit ungefähr 200 Jahren. In der Schweiz wurden mit dem Beginn des Fremdenverkehrs auch die ersten Bänkli aufgestellt.

Wo stand das allererste Schweizer Bänkli?
Das ist schwierig zu sagen, obwohl ich bei dieser Frage lange nach einer Antwort recherchiert habe.
Ich vermute, dass eines der ersten  Bänkli in der Region der Giessbachfälle am Brienzersee aufgestellt wurden. Damals kamen erste englische Touristen in die Schweiz, um die wilde Natur zu entdecken oder zu malen. Das war ungefähr zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Schweizer wurden touristisch aktiv, haben angefangen, Wege anzulegen und Bänke dort aufzustellen, wo diese «verrückten Engländer» hingehen wollten.

Sie sagen, dass seit den Bänkli-Projekten Ihres Vereins die Anzahl der Glücksmomente in der Schweiz angestiegen ist.
Ich glaube, dieser Satz fasst die Message der Bänkli-Projekte zusammen. Es geht bei der Bänkli-Aktion darum, die Achtsamkeit im Alltag zu schärfen, das Gute liegt so nah! Jeder läuft jeden Tag an zig Bänkli vorbei – warum diese nicht bewusst wahrnehmen, die Entdeckerfreude geniessen und sich einen guten Bänkli-Moment gönnen.

Fotografieren Sie ihr Lieblingsbänkli und laden sie es auf die Bänkli-Landkarte unter www.bankgeheimnisse.ch hoch.

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