Kolumne

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Immer rein in die gute Brockenstube

Von Mark Schiesser

Ich gebe es zu. Das Brocki-Virus hat mich schon vor vielen Jahren gepackt – und nicht mehr losgelassen. Zu einer Zeit noch, als man vor dem Betreten noch links und rechts schaute, um möglichst unerkannt zu bleiben, nach dem Motto «Was dängged au diä Lüüt». Klar war damals das Angebot noch nicht so vielfältig, eher lieblos gestapelt und nicht wie heute bewusst attraktiv präsentiert. Der Reiz, etwas Wertvolles zu finden, was andere nicht mehr wollten, gilt auch heute noch.
Angefangen bei mir hat es in den 1970er-Jahren, als mich mein Fahrlehrer Ernst Lüscher – Gott hab ihn selig, denn auch er war ein begnadeter Sammler – während einer Fahrstunde an den Zürcher Bürkliplatz mitnahm. Von dort stammt noch das edle Holzbrettli mit unserem Familienwappen samt Ahnenforschung auf der Rückseite. Es ist immer noch in meinem Besitz. Dass der Schriftenmaler aus Schaffhausen sein Atelier ganz in der Nähe meiner Wohnung hatte, ist ein schöner Zufall.
Letzten Monat habe ich in einem Brocki ausserhalb vom Zigerschlitz einen wunderschönen Bildband entdeckt, weil mir der Name des Autors auffiel: Fritz Schlittler. Ein alteingesessenes Geschlecht aus meiner Heimat. So hiess nicht nur mein Lehrer, de «Zapfe Fredi»; einer seiner Vorfahren gründete 1871 in Niederurnen einen Betrieb zur Herstellung von Zapfen aus Naturkork (heute in Näfels). Auch unser Abwart im Bühlschulhaus trug den Namen und – eine telefonische Nachfrage weil «s Gwünder  mich packt hät» – bestätigte meine Vermutung; die vor mehr als zwei Jahrzehnten «im Tschachen» im Gemeindegebiet Schänis entstandenen Aufnahmen stammen tatsächlich von seinem Sohn. Ein anderes Mal liess mich «eine Erzählung von Harry Zweifel» – auch wieder des Namens wegen – nicht mehr los. Tatsächlich tauchten im 1991 erschienenen Buch «Daniel Heim – Zögling und Mündel» das Glarnerland, viele Namen und Begebenheiten auf, welche Erinnerungen weckten.
Genau deshalb liebe ich es, mir im  Brocki die Zeit zu nehmen, um genau hinzuschauen und die Dinge unter die Lupe zu nehmen. Dabei kann ich auch total abschalten und mich in der Zeit verlieren. Und weil auch meine Partnerin diese Leidenschaft teilt, kann schnell mal eine Kaffeekanne zur Vase, der Strohhut zum Lampenschirm und die Leiter zum Regal werden. Schliesslich leben wir in einer Wegwerfgesellschaft. Immer mehr Menschen kaufen gebrauchte Produkte, um etwas für die Nachhaltigkeit zu tun. Es ist wie ein Kreislauf. Aber keine Angst, wir beide haben alles im Griff. Nur ausgesuchte Stücke finden ein Plätzchen in unserer Wohnung. Ab und zu tauschen wir etwas aus oder bringen unser Fundstück an den richtigen Ort, wie etwa ins Anna Göldi Museum. Übrigens, Harry Zweifel hat 1996 ein zweites Buch namens «Die Jahre danach» geschrieben. Ein Grund mehr, meine Augen offen zu halten bei meinen wöchentlichen Ausflügen in die Welt der durchmischten Begegnungsorte. Wie heisst es doch so schön: nur immer rein in die gute (Brocken-)Stube. «Ds Glarnerland isch au da immer guet verträte.»


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