Rubrik: Interview

Interview

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Rekordlos glücklich

Vreni Schneider hat am diesjährigen Ski-Weltcup ihren Allzeitrekord an Mikaela Shiffrin abgegeben. Wie sie über Rekorde und über die heutigen Skirennfahrerinnen denkt, erzählt Schneider im Interview.

Von Tina Wintle

Vreni Schneider, ist es in Ordnung, wenn ich Vreni sage?
Ja, Vreni reicht «vörig» … Aber es gibt schon Leute, die nicht recht wissen, ob sie jetzt Vreni, Frau Schneider oder Frau Fässler, der Name meines Ehemanns, sagen sollen. Aber es spielt eigentlich keine Rolle.

Du bist als Skilehrerin deiner eigenen Skischule in Elm oft auf der Piste anzutreffen. Wirst du da ständig angesprochen?
Die Leute sagen mir, sie hätten das Gefühl, mich seit vielen Jahren gut zu kennen, auch ganz persönlich, weil sie schon immer während der Rennen positiv und ehrlich mitgefiebert hätten. Diese Vertrautheit führt immer zu sehr schönen Begegnungen.

Ein Lebensmotto von dir lautet: ‚Mit Respekt und Dankbarkeit alles annehmen‘. Gelingt dir das?
Nicht immer. Ich bin auch nicht immer gleich gut aufgelegt. Es ist für mich aber etwas Wichtiges, dankbar zu sein. Vor allem bin ich dankbar, dass ich und meine Familie bei guter Gesundheit sind. Wenn ich zurückschaue, hat mich diese Eigenschaft, dankbar sein zu können, durch meine gesamte Karriere und mein Leben getragen. Ich habe nie etwas für selbstverständlich genommen.

Es heisst auch, du seist Perfektionistin. Was heisst das in deinem Fall?
Ich kann schon kompliziert tun, bis es dann genau so ist, wie ich es haben will. Dinge müssen für mich konsequent und richtig erledigt werden, und dabei kann ich elend hartnäckig sein.

Du wirst bald 55 Jahre alt: Haben die Rennen und Rekorde Spuren bei deiner Gesundheit hinterlassen?
Schon. Ich habe Altersbeschwerden wie alle anderen auch in diesem Alter. Bei mir sind es die Knie, die Schmerzen bereiten. Aber ich spüre meine Knie schon seit meinem Rücktritt vor 24 Jahren und die Schmerzen sind deshalb kein Thema für mich. Erstens weiss ich, woher die Knieschmerzen kommen und zweitens würde ich es trotzdem genauso wieder machen. Die einen haben Rückenschmerzen vom Bürostuhl, die anderen haben Knieschmerzen vom Weltcup.

Wo stehst du im Leben?
Ich habe sehr viel erlebt im Leben. Das Alter, also die nackte Zahl, ist mir nicht immer so bewusst, was ich als gutes Zeichen bewerte. Manchmal fühle ich mich jünger, manchmal aber auch älter. Mit 55 Jahren bin ich sicher über der Mitte, das ist mir klar. Die Ruhezeiten zwischen den Aktivitäten werden länger. (lacht)

Wie erholst du dich?
Zuhause beim Haushalten. (lacht) Wenn ich einmal nicht auf der Piste bin, bin ich zu Hause am Aufräumen oder Wäsche waschen. Treppe rauf und Treppe runter – dabei kann ich mich sehr gut erholen.

Du hast während deiner Karriere von 1984 bis 1995 viele Rennen gewonnen. Unter anderem hast du in der Saison 1988/89 14 Weltcupsiege eingefahren. 30 Jahre später hat dich nun Mikaela Shiffrin mit 17 Siegen vom Rekordpodest gestossen. Wie nimmst du das zur Kenntnis?
Das war eine wunderbare Zahl, diese 14 Siege, die ich heimtragen durfte. Ich gewann damals alle Slaloms und mit einer Ausnahme auch alle Riesenslaloms, die es gab. Ich hätte also gar nicht mehr Rennen gewinnen können. Die schnellen Super G-Rennen konnte ich als Technikerin ja nicht fahren.
Heute gibt es mehr Disziplinen und damit auch mehr Rennen, die man gewinnen kann, muss man fairerweise sagen. Das ist aber auch genau das, was Shiffrin auszeichnet: Sie kann einen schnellen Super G gewinnen und am nächsten Tag einen technisch anspruchsvollen Slalom, das ist einzigartig, so eine Leistung. Ich denke, sie ist die beste Fahrerin, die es je im Weltcup gab.

Da kannst du so über sie sagen, ohne Neid und Missgunst? Immerhin hat sie dich vom Podest gestossen.
Ich war bereit, ich dachte eigentlich, dass dieser Rekord schon viel früher überboten würde. Sie ist technisch so stabil und souverän, ihre Körperhaltung signalisiert mit jeder Faser, dass sie einfach nie in Bedrängnis kommt. Sie hat aber auch ein Umfeld, das sie spüren lässt, dass sie untastbar die Beste ist. Es fehlen mir einfach die Worte, wie unglaublich gut diese junge Rennfahrerin ist. Grandios.

Viel Bewunderung von dir für diese erst 24-jährige Senkrechtstarterin aus Nordamerika.
Ich möchte auch die mentale Belastung ansprechen. Wenn man zwei Läufe absolviert, muss man zweimal zum Rennen antreten und hat dazwischen eine unendlich schwierige Zeit durchzustehen. Mentale Stärke gehört also genauso dazu, es an die Spitze zu schaffen.

Was geht einem während dieser Pausen durch den Kopf?
Unendlich viel. Man sieht die Olympia-Ringe oder die Goldmedaille vor sich, macht sich selber viel Druck. Aber du darfst dich von diesen Gedanken nicht ins Bockshorn jagen lassen, sonst hast du verloren.

Wie hast du jeweils diese Zeit zwischen den Läufen überstanden?
Es gab meistens Räumchen, wo man sich ins Warme setzen konnte. Viele assen etwas Kleines, zum Beispiel Dörrfrüchte. Ich habe jeweils Käse und Brot bestellt. (lacht) Man muss ja vor dem Rennen ein bisschen Boden haben …

Führen auch diese ständigen mentalen Strapazen zu Abnutzungserscheinungen?
Die permanente Anspannung kann kaputt machen. In der letzten Saison meiner Karriere beispielsweise wurde ich von Rennen zu Rennen schlanker, nahm ab. Man riet mir, durchzuhalten und auf meinen Körper zu achten. Dabei war mein Körper topfit und durchtrainiert, es war vielmehr die mentale Kraft, die nachliess.

Bereits zuvor hat dir die damalige Marlies Schild den Rekord in der Slalom-Disziplin abgejagt. Bleibt noch ein Rekord für dich?
Das sind ja nur Zahlen! Aber ja, ich glaube, es bleibt noch einer übrig, soviel ich weiss, bin ich mit insgesamt 20 Siegen noch Rekordhalterin beim Riesenslalom, was aber sicher auch bald übertroffen wird.

Deine beiden Söhne im Teenageralter sind auch auf den Skis, besuchen die Glarner Sportschule. Können sie von deiner Erfahrung profitieren?
Meinen beiden Jungs kann ich sicher etwas von meiner Erfahrung weitergeben, aber ich bin für sie einfach die Mutter, was für mich noch schöner ist. Sportlich hatten sie sich immer schon an meiner Nichte Anja Schneider orientiert, die Skirennfahrerin war und nach einem Unfall nun Trainerin ist. Mein ältester Sohn Florian ist im JO-Kader und hat natürlich dort auch seine Trainer.

Pflegst du noch Kontakte zu den Skirennfahrer-Kollegen aus den 80er- und 90er- Jahren?
Mich interessierten schon immer die menschlichen Geschichten hinter den Stars. Das waren und sind auch menschliche Vorbilder für mich. So bin ich mit Pernilla Wiberg, Anja Paerson und Anita Wachter befreundet. Mit den Schweizerinnen sowieso, da gibt es Ehemaligentreffs. Wenn wir in Zermatt sind, gehen wir sicher auch bei Pirmin Zurbriggen und seiner grossen Familie vorbei. Die Skiweltcups haben uns alle geprägt und zusammengeschweisst. Wir hatten unsere Reibereien, haben uns gegenseitig aber auch zu Höchstleistungen angespornt, wir waren eine verrückte Crew.

Du bist Schweizer Schneesportlerin des Jahrhunderts und auch ohne Rekorde immer noch weltweit bekannte Ausnahmesportlerin. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen für dein Leben?
Profisportler zu sein ist eine Lebensschule. Man lernt zu verlieren und man lernt zu gewinnen. Ich habe aber auch gelernt, niemals abzuheben und immer zu wissen, woher ich komme. Ich habe all diese Rennen aus Dankbarkeit all jenen gegenüber gewonnen, die mich unterstützt und das Siegen möglich gemacht haben.

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