Kolumne

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Fenster in die Welt der Sehenden

Von Bernhard Fasser

Lesen war schon immer eine schöne Welt für mich. Als Kind las ich oft und so viel,  wie es meine schwindende Sehkraft zuliess. Dann gab es eine Zeit, in der meine ganze Kapazität der Ausbildung geschuldet war. Als ich wegen meiner Erblindung gar nicht mehr lesen konnte, las ich Hörbücher der schweizerischen Blindenbibliothek, damals in grossen Kisten angeliefert, auf Kompaktkassetten. Später gab es spezielle, sehr grosse Tonbandkassetten, die auf besonderen Abspielgeräten angehört werden konnten. Heute bekomme ich meine Bücher auf SD-Speicherkarten und kann sie auf einem MP3-Spieler, der speziell für blinde Benützer hergestellt wurde, anhören. Wenn ich wollte, könnte ich die Bücher der Blindenbibliothek auf dem Handy auswählen und gleich auf das Handy herunterladen und so anhören.
30 Jahre konnte ich keine Zeitungen und keine Zeitschriften lesen, weil die Technik dafür einfach nicht zur Verfügung stand. Heute kann ich auf meinem PC oder auf meinem Handy sehr viele Tageszeitungen lesen – und das, wo immer ich mich auch aufhalte: zu Hause, in den Ferien oder auf einer Wanderung. Diese Freiheit geniesse ich natürlich in vollen Zügen, weil ich weiss, wie es ist, von diesen Informationen ausgeschlossen zu sein.
Blind sein bedeutet, von vielen Informationsquellen ausgeschlossen zu sein. Wer nicht informiert ist, ist schnell einmal aussen vor und kann nicht mitreden. Blind, hörbehindert und nicht informiert zu sein, wäre der direkte Weg in die Einsamkeit, der Verlust der Kontakte zu den Menschen.
Für mich ist das Lesen unendlich wichtig geworden. Mit grosser Freude lese ich jeden Tag in der Zeitung, im Internet und in meinen Büchern. Das Lesen ist mein Fenster in die Welt der Sehenden geworden. Das Lesen ist der Schlüssel, dabei zu sein und dabei zu bleiben. Daneben ist es grossartig, mein Wissen zu erweitern, meine Neugier zu befriedigen und zu erleben, dass mehr Wissen immer nach noch mehr Wissen fragt.
Ich weiss, dass ich meine Leidenschaft mit vielen Menschen teile. Meine Abhängigkeit von meinen Hilfsmitteln, dem Computer, dem Handy und meinem Lesegerät, ist unendlich gross geworden. Als ich heute das Glas meines Handys zur Reparatur bringen musste, vermisste ich es schon in der halben Stunde, in der es in der Reparatur war. Kein Problem, ich habe es ja wieder!

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