Rubrik: Persönlich

Persönlich

Drei Jahre und ein Tag

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Ein Zimmermann auf Wanderschaft

Von Barbara Bäuerle

Ehrliche, arbeitsame Männer tragen sie mit Stolz – die Zimmermannskluft. Und das zu Recht, denn sie vermittelt Traditionen und Werte, die seit Jahrhunderten bestehen und noch heute gelebt werden. Die Wanderschaft ist an Freiheit und Erfahrungssammlungen kaum zu übertreffen.
Seit zweieinhalb Jahren ist der 22-jährige Tim Erath aus Deutschland auf der Walz. Nach einigen Arbeitswochen bei der Firma Holzbau Marti in Matt führt ihn seine Reise nun weiter. Eine genaue Reiseplanung und Route gibt es nicht.
Der Begriff Wanderjahre bezeichnet die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach dem Abschluss der Lehrzeit, im Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen beispielsweise für die Meisterprüfung. Aktuell sind zwischen vier- und sechshundert Gesellen auf der ganzen Welt unterwegs, ganz genau wisse man das nicht, so der Geselle. Nebst der auffälligen Kluft und dem «Stenz» (Wanderstab) hat der Fremdgeschriebene (Geselle auf der Walz) weitere Voraussetzungen zu erfüllen – damit er die «Tippelei» (Begriff unter Gleichgesinnten für die Wanderschaft) überhaupt antreten kann. Auf die Wanderschaft darf heute nur gehen, wer die Berufslehre bestanden hat, ledig, kinderlos, schuldenfrei und unter 30 Jahre alt ist. Tim ist der Gesellschaft der freien Vogtländer Deutschlands (FVD) angeschlossen, die auch als Schacht bezeichnet wird. «Die Gesellschaft ist wie eine riesengrosse Familie, man kennt einander und besucht sich auch nach der Wanderschaft.»
Die Tippelei war und ist auch sonst teilweise an schwierige Bedingungen geknüpft. So darf der Fremdgeschriebene in seiner Reisezeit einen Bannkreis von meist 50 Kilometern um seinen Heimatort nicht betreten. Er darf weder ein Handy mit sich tragen noch ein Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuss oder per Anhalter fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht verboten, aber verpönt. Die Wanderschaft dauert mindestens drei Jahre und einen Tag – der eine Tag ist relevant, da die Walz länger als die Lehrzeit dauern muss – und darf nur aufgrund wirklich zwingender Gründe abgebrochen werden, etwa bei einer schweren Krankheit. Andernfalls wäre eine Unterbrechung «unehrbar», das Wanderbuch würde eingezogen und die Kluft «an den Nagel gehängt».
Angetreten und beendet wird die Wanderschaft mit nur fünf Euro in der Tasche. Wichtigstes Erkennungszeichen eines Gesellen ist die Kluft, deren Anzahl Perlmuttknöpfe nicht zufällig ist. Die sechs an der Jacke stehen für sechs Arbeitstage pro Woche, die acht an der Weste für acht Arbeitsstunden am Tag und drei an jedem Ärmel für je drei Jahre Lehre und Wanderschaft. Der Hut mit breiter Krempe und die weiten Hosenbeine aus Samt oder Manchester schützen vor rieselndem Sägemehl während der Arbeit. Während der Reise wird stets die Kluft getragen, von denen man eine zum Arbeiten und eine zum Reisen besitzt. Sie ist ein Blickfang, mit der man sich in jeder Gesellschaftsschicht bewegen kann. Allein darum werde man oft angesprochen, sie widerspiegle für jeden Menschen etwas anderes; der Traum von Freiheit, Bodenständigkeit, aber immer wieder auch die Tatsache, dass man mit wenig auszukommen hat. Auch der Wanderstab jedes Gesellen hat seine Geschichte; es ist nicht einfach ein geschnitzter Stock vom Strauch nebenan, es sind besondere Hölzer, aus denen der Stenz entsteht. «Du findest nicht einfach einen Stenz – der Stenz findet dich», so Tim.
Für die Zusammenkünfte der Gesellschaften gibt es bestimmte Herbergen, in denen jeweils Treffen stattfinden. Die Mitglieder sind eine eingeschworene Gruppe, einige Besprechungen finden hinter verschlossenen Türen statt und deren Inhalte haben bis heute noch nie eine aussenstehende Person erreicht.
Fremdgeschriebene sind zünftig und ehrbar unterwegs und legen grossen Wert darauf, sich korrekt zu verhalten, damit die Menschen auch für den nächsten reisenden Gesellen offen sind.
Auf die Frage nach dem Grund seiner Reise, die an so viele Bedingungen geknüpft scheint, meint der Handwerker: «Es ist wichtig und schön, eine so alte Tradition nicht aussterben zu lassen und sogar ein Teil von ihr zu sein.» Zudem biete die Walz eine Möglichkeit, Menschen und Länder auf eine Weise kennenzulernen, wie es mit anderen Reisen nicht vergleichbar sei.
Erst im Sommer 2020 geht Tim voraussichtlich zurück nach Ravensburg, wo er mit seinem breit gewonnenen Erfahrungsschatz in das Zimmereigeschäft seines Vaters einsteigen möchte. Bis dahin wird noch einiges an Erlebnissen zu den Erfahrungen dazukommen, die er bis jetzt in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Dänemark, Frankreich, Nepal und Chile sammeln konnte.

Persönliches

Vorname, Name
Tim Erath
Alter, Sternzeichen
22, Schütze
Wohnort
Schlier, Ravensburg, Deutschland
Beruf
Zimmermann
Interessen und Hobbys
Neue Dinge kennenlernen
Liebster Ort im Kanton und in der Welt
Elm, Nepal
Lieblingsessen
Döner
Lieblingsmusik
Vielseitig von Volksmusik bis Rap
Grösstes Anliegen
Dass Vorurteile gegenüber Menschen
abnehmen – da fängt der Frieden an

 

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