Kolumne

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Taco loco

Schnee von gestern aus Mexiko.

Von Francesca Trento

Im Februar solls weiss sein, sagen sie. Flockiger Schnee soll fallen, sich auf dem Boden betten, sich von seiner besten Seite zeigen, behaupten sie.
Nichts da. In Mexiko lässt er auf sich warten. Lange und beharrlich. Andererseits: Wer sehnt sich schon nach Schnee in Mexiko? Ich nicht. Oder doch? Nach einem Monat in diesem Land schneit es nämlich vor allem eines: Tacos.
Kurz vor dem Rückflug Cancun–Zürich schaue ich zurück. Auf dreissig Tage voller Nachrichten von zu Hause, von diesem flockigen Schnee, von diesem herrlich fallenden weissen Pulver, das dem Wiggis ein Hochzeitskleid angezogen hat.
Gleichzeitig blicke ich auf die unendlich vielen Tacos zurück. Berge voller Tacos. Auf Nächte über und vor der WC-Schüssel. Sie nennen das hier «Montezumas Rache».
Dafür hast du das Meer, sagten sie mir. Voller Neid. Aber auch davon habe ich vor allem nur geträumt. Denn so einfach war es in Yucatan nicht, ans Meer zu gelangen. Zumindest nicht, ohne links und rechts von Touristen umgerannt zu werden.
In die Tourifalle bist du getappt, sagen sie mir jetzt. Und ich fiel tief. So tief, dass ich vor lauter Massentourismus gar nicht sah, was das Land ausmacht. Dessen Kultur, mit jenen Einheimischen, die nicht gezwungen sind, einem Touri ständig lächelnd eine Kette, eine Rose oder ein Lied anzudrehen, um im eigenen Land überleben zu können. Ein riesiger Küstenstreifen, hundert Kilometer lang, ein einziges Beachresort.
Etwas sah ich hier jedoch ganz deutlich, oder besser: Ich spürte es. Mein Entsetzen darüber, dass ich ebenso zu all diesen Touristen gehöre. Dass ich so bin wie alle anderen. Also nein, ich sah den Strand dreissig Tage lang kaum, denn ganz wie die anderen wollte ich doch nicht sein.
Also was blieb mir? Vom Schnee zu träumen? Das tat ich. Jetzt, vor dem Heimflug, friert es mich aber doch. Denn wer flüchtet schon nicht gerne einmal in eine andere Realität. Doch noch ein paar Tage bleiben? Überfülltes Beachresort statt eingeschneiter Glärnisch? Denn daheim schneit es dann schnell wieder vor allem eines: Realität.

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