Kolumne

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Und es schien die Sonne

Wenn sich die Sonne endlich zeigt...

Von Salome Müller

Kürzlich, es war schon im neuen Jahr, zeigte sich in Zürich endlich wieder einmal die Sonne. Im Glarnerland kann man sich das vielleicht gar nicht vorstellen, 
ich kann es mir selbst nicht vorstellen, 
obwohl ich es im Winter jeden Tag aufs Neue bezeuge: Die Sonne scheint 
hier nicht. Nie. Immer ist sie verschluckt vom allgegenwärtigen Grau. Ausser in ebenjenem Moment, als ich mich gerade im Bus auf dem Weg ins Einkaufszentrum Letzipark befand, wo ich bisher auch noch nie war.
Die Sonne schien in eine Strassenflucht, es sah aus, als würde sie die Dächer vergolden, und plötzlich machte alles wieder Sinn. Dass man von Tagen und Nächten spricht, dass das zwei unterschiedliche Zustände meint, nicht nur im Kopf, sondern ganz wirklich. Dass es etwas gibt, das einen am Morgen weckt, ein Indiz dafür, dass da draussen etwas beginnt – vielleicht gar eine neue Möglichkeit.
Ich stand nachmittags in diesem Bus und war auf einer Mission. Ich wollte eine neue Ecke von Zürich kennenlernen. Das schien mir folgerichtig, weil ein neues Jahr 
begonnen hatte und ich noch Dinge 
für meine neue Wohnung brauchte. Ich fühlte mich leicht, zuversichtlich und spürte viel Aufbruch in mir. Und nach all den Weihnachts- und Jahresendtagen, an denen man ständig um das immer Gleiche, immer um Seinesgleichen kreist, fühlte sich dies an wie ein inneres Schimmern.
Dann erhaschte ich diese Sonnenstrahlen, vielleicht war es auch nur einer. Es genügte, um mich zu wärmen. Vielleicht, weil es bedeutete, dass es noch mehr gibt als nur mich auf meinem Weg irgendwohin. Es gibt einen Horizont, einen Himmel; etwas Grösseres, das man nicht religiös verklären muss, das einen aber zu beruhigen vermag.
Ich wollte ein Beweisfoto machen, wollte die Sonne mit meinem Handy bannen. Aber kaum hatte ich es aus meiner 
Manteltasche herausgewühlt und die Tasten entsperrt, war die Sonne wieder weg. Es machte mir nichts aus, denn es hat mich daran erinnert: Sie wird wiederkommen.

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