Kolumne

Müller.jpg

Manchmal bin ich auch so

«An manchen Tagen fühlt sich alles so wund an, dass man besser seine Tätigkeiten auf weniges beschränkt.» Und dann hat man plötzlich wieder Lust, an der Welt teilzunehmen. So geht es jedem manchmal.

Salome Müller

Spätestens seit Trump an der Macht ist und die AfD in Deutschland wächst, hört man wieder viel über jene Menschen, die sich einigeln in ihrer Welt und von all dem da draussen nichts hören wollen. Rückzug ins Private, in die eigene Blase; genug haben von den schlechten Nachrichten und den Medien an sich, die unzulänglich berichten, einseitig nur, überhaupt alles falsch darstellen.
Es ist der Reflex, sich zu schützen, und es ist das unangenehme Bewusstsein dafür, wie zerbrechlich man selbst ist. Ich kenne das – an manchen Tagen fühlt sich alles so wund an, dass man besser seine Tätigkeiten auf weniges beschränkt. Einkaufen, Kaffee kochen, Serien schauen. Abtauchen, wegtauchen, auch Distanz zu einem selbst schaffen, und sich dadurch entspannen. Wenn es stürmisch ist draussen und regnerisch-kalt, also so, als würde einen eh nichts angehen, was so vor sich geht, ist dieser Rückzug sogar heilsam. Geist braucht Nahrung, aber er braucht auch Leere zwischendurch. Wie soll man sonst den Kopf aufrecht halten, wenn er immer so überfüllt und schwer ist?
Erst gerade habe ich es wieder getan. Eine ganze Staffel durchgeschaut, nur ab und zu bin ich aufgestanden, um etwas zu trinken oder zu essen zu holen. Ich habe mich darüber gefreut, dass die Zeit vorangeht, aber im Gefühl langsamer als auch schon. Ich habe alles von mir weggeschoben – Textnachrichten, das Buch, das ich schon lange lesen wollte, der Gedanke, Wäsche zu waschen.
Nach einem Wochenende in diesem wohligen Dämmerzustand regte es sich in mir langsam wieder. Wie Fingerspitzen, die im Schlaf leicht zucken. Ich hatte plötzlich wieder Lust, an der Welt draussen teilzunehmen – ich gehörte ja zu ihr. Ich wollte unbedingt Zeitung lesen und wissen, was geschehen ist und weiter geschehen könnte. Als Mensch ist man Angst, Furcht, Zweifel. Aber auch Neugier, Zuversicht, Freude – und dafür muss man sich als handelnd erleben. Woher sollen denn neue Gedanken kommen, wenn nicht von aussen? Das belebt.
Es ist so, dass Nachrichten deprimieren können. Aber sie erden mich eben auch – wie erleichternd ist es doch zu merken, dass ich nicht allein in dieser Welt bin.

zurück - Druckversion