Persönlich

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Sojafläschchen im Täschchen

Die Glarnerin Kyoko kommt ursprünglich aus Japan. Als sie in den Achzigerjahren nach Europa kam, hatte sie immer ein Sojafläschchen dabei, ihrem Essen einen vertrauten Geschmack zu geben. Heute schlägt ihr Herz für beide Kulturen: für Japan und für die Schweiz.

Tina Wintle

In Japan ist es nicht vornehm, eigene Wünsche zu äussern. Man lässt vermuten, deutet an, sagt weder klar ja noch nein. Die japanische Kultur ist diskret. Die Sprache in Japan richtet sich nach der Beziehung zum Gesprächspartner und der non-verbale Ausdruck ist in der japanischen Sprachkultur ebenso wichtig wie der verbale.

Aus dieser Kulturheraus kam Kyoko Ginsig als junge Frau, die die Welt kennenlernenwollte, Anfang der 80er-Jahre nach Europa, um in England ihr Englischzu verbessern. Sie hatte Shakespeare, Jane Austen und Emily Bronte imKopf und traf auf ärmlich wirkende Strassen, kaputte Telefonzellenund unfreundliche Menschen. Ihr erster Eindruck von der Alten Welt:schmutzig und ungehobelt. Für ihren Sprachaufenthalt kam sie in eineenglische Gastfamilie, die Metzger waren. «Meine Gastgeberin hattemir zuvor in einem Brief freudig angekündigt: ‘Wir sind Metzger,sie können jeden Tag Fleisch essen!» Eine Hiobsbotschaft für diean Reis, Gemüse und Miso-Suppe gewöhnte Japanerin. «Ich musstemich erst an die Direktheit der Europäerinnen gewöhnen undnatürlich auch an das Fleisch und die Kartoffeln», schmunzelt sieheute. Die Sojasauce, die damals in Europa noch nicht so erhältlichwar, trug sie immer in einem Fläschchen bei sich, um den Speisenwenigstens ein bisschen heimatliche Würze zu verleihen.

Bei einem Malkurs imAktmalen lernte sie den Schweizer Architekten Peter Ginsig kennen.Trotz der strengen japanischen Traditionen gelang es ihm, nicht nurKyokos Herz zu erobern, er überbrückte die Hindernisse der beidenungleichen Kulturen und fand einen Weg zu ihrer Familie. «Damals wares sehr ungewöhnlich, wenn eine Japanerin einen Ausländerheiratete. Bei seinem ersten Besuch bei meiner Familie in Japan wurdeer nur von meiner Mutter und meinem Bruder empfangen. Erst bei seinemzweiten Besuch durfte er meinen Vater treffen und später auch ummeine Hand anhalten.» Der Vater habe später zu ihm gesagt: «Dubist japanischer als ein Japaner.» Nach der Hochzeit lebte das Paarin der Schweiz. Wichtig war es für Kyoko, Deutsch zu lernen, dennohne Sprache funktioniere Integration nicht, ist sie der Meinung.«Nur durch die Sprache lernt man eine fremde Mentalität kennen.»Parallel zum Deutschstudium betreute sie in einem Souvenirladenjapanische Touristen, die damals begannen, in grosser Anzahl nachEuropa zu reisen. Sie arbeitete als Reiseleiterin, Sprachlehrerin,Übersetzerin und als Bibliothekarin für japanische Bücher imZürcher Museum Rietberg.

1990 kam ihr Sohn Dennis zur Welt. Sie ging trotzdem reduziert ihrer Arbeit im Museum Rietberg nach, als Assistentin für grosse Ausstellungen. Später unterrichtete sie japanisch für hochbegabte Kinder in Wädenswil: «Wer einen IQ von über 135 hatte, durfte unter anderem Japanisch lernen.» Heute ist Kyoko Ginsig Vizepräsidentin der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft, organisiert kulturelle Anlässe und Filmveranstaltungen. Zusammen mit ihrem Sohn wirkte sie beratend bei der kürzlich ausgestrahlten SRF-DOK-Serie «Fokus Japan – Unterwegs mit Patrick Rohr» mit. Ihr Sohn war auch als Dolmetscher in Japan dabei.

Im versteckten Ferienhäuschen in Schwändi, das die Familie so oft wie möglich zur Erholung nutzt, schläft sie besser als anderswo, das liege an der positiven Energie in Schwändi. Unten in Glarus wäre es für sie nicht ideal. «In Richterswil, wo wir wohnen, ist es auch schön, aber anders.» Ihr Mann hat das Haus in Schwändi nach japanischer Art umgebaut. Es gibt ein traditionelles Tatamizimmer, wo die Gäste etwas erhöht auf Schilfgrasmatten um einen Tisch sitzen. Oder man fertigt an diesem Tischchen, das sich, wenn mehr Platz benötigt wird, versenken lässt – etwa zum Schlafen – Kalligrafie-Arbeiten an. Und es gibt ein japanisches Bad: «Baden ist in Japan sehr wichtig, aber anders als in der Schweiz reinigt man sich vor dem Baden, da alle Familienmitglieder der Reihe nach ins 40 Grad heisse Wasser tauchen. Die viel grössere Badewanne ist nicht wie bei uns waagrecht, sondern senkrecht in den Boden gebaut.

Heute schlagen in Kyoko Ginsigs Brust zwei Herzen, eines für die Schweiz und eines für Japan. Sie vergleiche die beiden Kulturen heute aber nicht mehr so sehr miteinander, will nicht mehr das Schlechte und das Gute aus den beiden Kulturen abwägen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sie sich für ein direktes Urteil, welches Land denn nun besser sei, japanisch vornehm zurückhält: Es bleibt dem Leser überlassen, zu vermuten.

 

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