Rubrik: Interview

Wenn Pflanzen Probleme machen

Über die schwierige Aufgabe,
gebietsfremde Pflanzen zu bekämpfen. Das Interview in der "Glarner Woche" mit Ruedi Zimmermann, der in Glarus Nord für die Bekämpfung von Neophyten zuständig ist.
Von Beate Pfeifer

Die Gemeinde Glarus Nord hat mit einem Schreiben vom vergangenen Monat Grundeigentümer aufgefordert, sie bei der Bekämpfung von Neophyten auf privatem Grund zu unterstützen. Ruedi Zimmermann, zuständig für die Neophytenbekämfung in Glarus Nord, erklärt, warum Neophyten ein Problem sind.

Neophyten sind Pflanzen, die von ausserhalb einwandern und sich stark verbreiten. Sie verdrängen die einheimischen Arten. Manche verbreiten sich so schnell, dass die ­einheimischen Arten gar nicht mehr vorkommen, und sie verringern so die Biodiversität. Andere sind gesundheitsschädlich. Zum Beispiel führt der Riesenbärenklau bei Hautkontakt zu Verbrennungen. Das Drüsige Springkraut hat so eine hohe Pollenzahl, dass es für Asthmatiker eine grössere Belastung ­darstellt als einheimische Arten. Und der Knöterich kann mit seinen Wurzeln durch Beton drücken und so die Infrastruktur beschädigen. Er ist für uns fast am schwierigsten zu bekämpfen.

Gibt es Orte oder Stellen, an denen sich Neophyten besonders wohlfühlen?

Die Neophyten verbreiten sich teils mit dem Wind und Wetter. Gerade im Bereich von Strassen und Gewässern werden sie verschleppt und verbreiten sich so. Viele der fremden Arten kommen an Bach­gewässern vor. Diese haben meist weniger tiefe Wurzeln. Gerade an steileren Böschungen ist es aber wichtig, dass wir eine Bepflanzung mit tieferen Wurzeln haben, die das Ufer gut befestigen können. Es sind also verschieden Gründe, warum wir die Neophyten bekämpfen.

Die Gemeinde Glarus Nord will mit dem Aufruf die Bevölkerung sensibilisieren?

Wir hoffen, dass die Bevölkerung das Thema wahrnimmt und dass die Leute mit­einander darüber sprechen. Wir wollten aber vor allem die Grundeigentümer vorinformieren, dass wir sie direkt anschreiben werden, damit sie sich melden, wenn sie Neophyten im Garten haben. Es haben sich aber auch schon unabhängig davon Leute gemeldet, die wissen wollten, wie das mit der Bekämpfung läuft.

Welche fremden Pflanzenarten sind in den Gärten am meisten verbreitet?

Vorwiegend Sommerflieder. Das ist aber gleichzeitig auch die Art, bei der wir die wenigsten Handhabe haben, jemanden zu verpflichten, die Pflanzen wegzumachen.

Warum können Sie die privaten Garten­besitzer nicht dazu zwingen?

Wir können niemanden zwingen. Die Massnahme ist auf freiwilliger Basis. Der Sommerflieder steht noch nicht auf der Liste der Freisetzungsverordnung des Bundes, also auf der Liste, die festlegt, welche invasiven Pflanzen von Gesetzes wegen verboten sind. Er wird aber als Neophyt bezeichnet und macht ein Problem durch seine Verbreitung. Man will ihn zwar verbieten, aber aktuell darf man den Sommerflieder sogar noch verkaufen – wenn auch nur mit Warnhinweis. Das Problem ist schon seit 10 oder 15 Jahren bekannt. Aber es kann ziemlich lange gehen, bis eine Pflanze wirklich verboten wird. Das ist für uns, die wir damit arbeiten, unverständlich.

Woher wissen Sie überhaupt, wer alles Neophyten in seinem Garten hat?

Wir haben Mitarbeiter, die im Siedlungsgebiet auf den Strassen unterwegs sind und die, vom öffentlichen Raum aus, so weit sie es sehen können, feststellen, ob auf den Grundstücken Neophyten wachsen.

Von der Strasse aus können Sie aber nicht das gesamte Grundstück einsehen, oder?

Nein. Das ist so. Wir dürfen die Privatgrundstücke aber nicht betreten. Uns ist daher schon bewusst, dass es nie eine lückenlose Bestandsaufnahme sein kann.

Warum kümmert sich die Gemeinde Glarus Nord um die Neophytenbekämpfung. Wäre nicht der Kanton dafür zuständig?

Der Kanton ist federführend bei der Bekämpfung. Er koordiniert alles, unterstützt die Gemeinden finanziell und hat Schulungen für das Personal mitorganisiert. Nachher ist es so, dass Grundeigentümer gesetzlich in der Pflicht sind, die Neophyten zu bekämpfen. Aber nur der Kanton kann die Grundeigentümer verpflichten, die Neophyten von ihren jeweiligen Privatgrundstücken zu entfernen. Wir können nur an den Goodwill der Leute appellieren. Es gibt doch genug einheimische Pflanzen, die von den Blüten her ähnlich schön sind, die aber keine Probleme verursachen.

Ist das eine kostenaufwendige Sache?

Da die Gemeinde einen grossen Grundbesitz hat, müssen wir schon ein paar 10 000 Franken aufwenden, um die Pflanzen zu bekämpfen. Und gleichzeitig müssen wir zusehen, wie auf privaten Liegenschaften gebietsfremdes Saatgut wieder ausgetragen wird. Weil wir aber unser Geld möglichst effizient einsetzen wollen, streben wir eine flächendeckende Bekämpfung an. Der Betrag, den wir jetzt für die Briefe aufwenden, ist um ein Vielfaches kleiner als der, den wir für die Bekämpfung selbst brauchen. Es ist also eine präventive Massnahme vonseiten der Gemeinde in Absprache mit dem Kanton.

Übernehmen Sie dann auch die Entfernung der gebietsfremden Pflanzen auf Privatgrund?

Nein, das müssen die Leute selbst übernehmen. Da wären die Kosten dann wieder zu hoch. Aber es ist ja so, dass niemand grundsätzlich etwas machen möchte, was schlecht ist. Deshalb denken wir, dass die meisten die Neophyten freiwillig entfernen werden. Es kann höchstens sein, dass die Grundeigentümer nicht wissen, welche Pflanzen verboten sind.

Schicken Sie in dem Aufruf entsprechende Informationen mit?

Wir machen die Leute im Brief darauf aufmerksam, dass sie Neophyten im Garten haben, und schicken ein Merkblatt von Infoflora (www.infoflora.ch) mit, in dem steht, was das Problem ist und wie man die Pflanzen bekämpfen kann. Unser Wunsch ist, dass sich die Leute selber weiter informieren und die Pflanzen dann auch direkt selber bekämpfen. Am Schalter in Näfels können Neophytensäcke vom Zweckverband Kehricht Glarnerland unentgeltlich abgeholt werden, um das Material in die Kehrichtverbrennung mitzugeben.

Wie ist der aktuelle Stand in Sachen Neophytenbekämfung in Glarus Nord?

Neophyten werden von oben nach unten bekämpft. Das entspricht der natürlichen Verbreitung des Saatguts. Deshalb haben wir zunächst nur die Ortschaften Näfels und Mollis aufgeführt. In den Gebieten sind wir vonseiten der Gemeinde am Weitesten, was die Bekämpfung an Berghängen angeht. In Bilten oder Niederurnen haben wir noch mehr Vorkommen, die wir als Gemeinde noch bekämpfen müssen. Wir wollen aber die Privaten erst dann auffordern, wenn wir die Hänge gesäubert haben.

Wie kann die Bevölkerung die Gemeinde noch unterstützen?

Wir hoffen, dass wenn die Leute wissen, dass sie eine gebietsfremde Pflanze im Garten haben, sie nachsehen, ob sie nicht noch eine zweite Pflanze haben. Oder ob der Nachbar eine im Garten hat. Auf Gemeindegebiet arbeiten wir zudem mit freiwilligen Helfern. Wenn es Leute gibt, die sich zur Verfügung stellen, die Bekämpfung koordiniert mit uns durchzuführen, können wir diese brauchen. Neophytenbekämpfung, das ist keine Aufgabe, die man in ein oder zwei Jahren erledigen kann, sondern das ist eine Daueraufgabe.

Ansprechpartner für weitere Fragen und für freiwillige Helfer für Glarus Nord wenden sich an Ruedi Zimmermann, 058 611 72 21 oder ruedi.zimmermann@glarus-nord.ch.

Neophytenbekämpfung in Glarus und Glarus Süd

Auch die Gemeinden Glarus und Glarus Süd kämpfen gegen die unliebsamen pflanz­lichen Einwanderer.
Auf öffentlichem Grund, im Siedlungsgebiet und ausserhalb, entfernt die Gemeinde Glarus sukzessive die Neophyten. Diese werden direkt von der Ketrag für die Kehrichtverbrennung abgeholt. Entdeckt die Gemeinde Neophyten auf Privatgrund, werden die Eigentümer darauf aufmerksam gemacht. Säcke und Kleber zur Neophytenentsorgung können beim Einwohneramt der Gemeinde Glarus gratis bezogen werden. Die private Entsorgung läuft dabei sehr selbstständig.
Auch Glarus Süd kämpft gegen die gebietsfremden Pflanzen, in den letzten zwei Jahren besonders intensiv. Die Gemeinde setzt u. a. Schulklassen ein. Seit gut drei Wochen sind auch bis zu sechs Asylbewerber permanent im Einsatz. Gemeindemitarbeiter durchlaufen Schulungen. Die Bekämpfung zeigt erste Erfolge: An einigen Stellen kommen Riesenbärenklau und Japanischer Knöterich nicht mehr vor. Mit dem nächsten Abfuhrplan wird die Gemeinde ein Merkblatt zur Neophytenbekämpfung verschicken. Plastiksäcke für die Neophyten können beim Gemeindehaus Schwanden abgeholt werden.


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