Rubrik: Kolumne

Blind oder Blind?

Bernhard Fasser, Physiotherapeut, über das Blindsein und mehr – die neuste Kolumne der «Glarner Woche».

Als Blindgänger bezeichnet man Munition, die nicht explodiert ist, also etwas Nutz­loses, ja sogar sehr Gefährliches. Einen Blinddeckel benützt man, um einen Stromanschluss abzudecken, den man nicht mehr brauchen kann. Ein Blindstollen führt nirgendwo hin, und Blindflug ist zwar etwas sehr präzises, aber doch ­irgendwie unheimlich, weil niemand dabei ist, der sehend kontrolliert. Jemand kann blind vor Wut oder vor lauter Liebe sein, man läuft blind ins Verderben, oder man vertraut blind, alles sind Synonyme für dumm oder unüberlegt.

Diese Geschichte habe ich einmal als Teil einer Predigt in der Kirche gehört:
Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. Und so machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen nun um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.
Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel betastet. Er sprach: «Ein Elefant ist wie ein langer Arm.»

Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: «Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein grosser Fächer.» Der dritte Gelehrte sprach: «Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.» Er hatte ein Bein des Elefanten berührt. Der vierte Weise sagte: «Also ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende», denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet. Und der fünfte Weise berichtete seinem König: «Also ich sage, ein Elefant ist wie eine riesige Masse, mit Rundungen und ein paar Borsten darauf.» Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äusserungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: «Ich danke euch, denn ich weiss nun, was ein Elefant ist: Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein langer Arm ist, mit Ohren, die wie Fächer sind, mit Beinen, die wie starke Säulen sind, mit einem Schwanz, der einer kleinen Strippe mit ein paar Haaren daran gleicht, und mit einem Rumpf, der wie eine grosse Masse mit Rundungen und ein paar Borsten ist.»

Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufrieden gegeben hatten.

Blinde Menschen, ob gelehrt oder nicht, sehen nicht und müssen diese Behinderung anderweitig kompensieren. Dazu müssen sie sehr fleissig sein und ihre restlichen Sinne beisammen haben. Das fehlende Bild führt zu inneren Bildern, die oft der Realität entsprechen, oft aber weit darüber hinaus wichtige Informationen enthalten, die den Sehenden vorerst verschlossen bleiben, bis sie es endlich sehen.

Ein Blinder, der vor einem Elefanten steht, weiss sofort, was er vor sich hat!
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