Rubrik: Kolumne

Chläusli sei Dank

Mark Feldmann, Geologe, mit seiner neusten Kolumne über Erinnerungen.

Kurz vor Weihnachten trafen wir uns in einem Restaurant, um etwas Geschäftliches zu besprechen, als er plötzlich aufsprang, zum Auto ging und mit irgendeiner Plastiktüte zurückkam. Auf seiner letzten Kanada-Reise hätte er diesen Dinosaurierknochen gekauft. Es sei ihm wichtig gewesen, mir ein solches Stück in die Schweiz zu bringen; es sei zertifiziert. Ich war sprachlos, nahm das Geschenk entgegen und bedankte mich. Wir klärten noch ein paar Dinge, zahlten und verabschiedeten uns mit ein paar Grüssen an die Lieben zu Hause. Wie immer. Nach dem Jahreswechsel hörte ich ihn noch einmal. Er erklärte mir am Telefon, das seien die letzten Buchstaben seiner IBAN-Nummer. Er würde seinem Bruder doch niemals «LG», liebe Grüsse, per SMS schreiben. Er lachte herzlich und verabschiedete sich fröhlich. Ich würde ihn nie wieder sehen oder hören. Er hinterliess aber wunderbare Geschichten. Sein Leben gab meinem bedeutsame Wendungen. Das fing bereits in den frühen Sechzigerjahren an, als meine Eltern das Restaurant «Schützenhaus» führten. Chläusli wurde geheissen, mich im Schützenhausgarten zum ersten Mal auf Skier zu stellen, damit ich Runden drehen und mich ans ungewohnte Material gewöhnen könnte. Das tat er auch. Ich hatte noch nicht einen Schritt gemacht, hörte ich plötzlich ein Schnauben. Hinter mir stand die Brauerei-Kutsche mit dem Zweispänner und vor ihr stand ich, an ihrem Standplatz, zum ersten Mal in meinem Leben mit Skiern an den Füssen. Ich konnte mich kaum bewegen und hatte Angst vor diesen grossen Pferden. Ich weinte, Isaak, der mächtige Fuhrmann auf dem Kutschbock fluchte und Chläusli, der jetzt daneben stand, lachte sich den Buckel voll. Die Philosophie war einfach – lern schnell, sonst wirst du überfahren! So lernte ich die ersten Schritte auf Skiern.
Manchmal war Chläus im Restaurant zuständig für das Auffüllen der Getränkeflaschen, die er aus dem Keller holen musste. Ich ging gerne mit ihm, weil er meistens fragte, ob ich ein Elmer Citro wolle und auf meine Bejahungen auch ein Fläschchen öffnete. Einmal jedoch sagte er mir, ich könne das Citro auch der riesigen Glasflasche drüben an der Wand entnehmen. Ich müsse nur den Drücker am Gummischlauch betätigen. Das tat ich auch, was dazu führte, dass ich mit viereinhalb Jahren meinen ersten Rausch hatte. In der Glasflasche war der Schnaps, den man in den «Kaffee fertig» gibt.
Die monotonen Aufenthalte zu Hause oder in der Schule machte Chläus nicht zu seinem Lebensinhalt. In der Sekundarschule trug er viel zu einem lebendigen Betrieb bei. So fragte er beispielsweise seine Kameraden, ob sie es schaffen würden, die Garderobenhaken bis ganz nach unten zu drücken. Sie schafften es. Als allerdings der Abwart sie später zurückbiegen wollte, gingen sie in die Brüche. Auf solche Weise trieb er Abwart und Lehrer fast ständig zum Wahnsinn, was dazu führte, dass ihn meine Mutter mit der Bemerkung, die Glarner Lehrer seien mit ihren Buben schlicht überfordert, frühzeitig aus der Schule nahm. Für mich als Jüngsten hatte dies zur Konsequenz, dass ich zum ersten und einzigen Mal im Leben kein Mitspracherecht hatte und nicht zusammen mit meinen Freunden aus der Primarschule die Sek in Glarus besuchen durfte, sondern direkt in die disziplinierte Klosterschule nach Näfels geschickt wurde. Dort wurden die Weichen für meine akademische Laufbahn gestellt – Chläusli sei Dank!

 

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