Rubrik: Interview

Wörtlich
 

Nahost zum Lunch

Arnold Hottinger über Kriege und warum der Frieden auf sich warten lässt.

Von Tina Wintle

Die Volkshochschule Glarus organisiert eine Vortragsreihe zur Thematik Philosophie und Ethik. Hochkarätige Referenten suchen Antworten auf Fragen unseres Lebens. In der «Glarner Woche»-Serie «Lunchgespräche – schwer Verdauliches am Mittagstisch» antwortet Arnold Hottinger auf die Fragen von Tina Wintle.

Arnold Hottinger, Sie haben als NZZ-Korrespondent und Nahost-Experte Jahrzehnte in arabischen Ländern verbracht, essen sie auch gerne arabisch?

Ja. Ich esse jeden Morgen Frühstück mit arabischem Brot, dem Fladenbrot. Es gibt auch ein libanesisches Restaurant in meinem Wohnort Zug und am Bahnhof gibts einen Döner-Stand.

Sie sprechen neben Französisch, Spanisch und Englisch auch einige Sprachen dieser Region, darunter Arabisch, Farsi oder Türkisch. Mit ihren Berichten aus Nahost haben Sie uns die Welt erklärt. Ist für Sie noch nachvollziehbar, was passiert?

Dank dem Internet bin ich auch heute, wo ich nicht mehr in diesen Ländern lebe, gut informiert. Mit meiner Erfahrung kann ich sehr gut einschätzen, welche News glaubwürdig sind und welche nicht. Ich sitze auch heute noch mit 91 Jahren mehrere Stunden am Tag am Computer und lese, kombiniere und analysiere.

Sie sind ein Mensch, der gerne erklärt. Sie sagten einmal, sie mögen Menschen, die Fragen stellen. Können Sie mir die arabische Welt erklären?

Im Nahen und Mittleren Osten gab und gibt es viele Nationalstaaten, die zusammenbrechen. Zum Beispiel Somalia, Libyen, Syrien, bald auch Irak und möglicherweise Saudi-Arabien. Auch Bahrain und Sudan sind kritisch. In Tunesien ist die Wirtschaft auch am Boden.

Diese Nationalstaaten sind letzten Endes eine europäische Erfindung, es wurden künstliche Grenzen gezogen, für neue Länder, die keine kulturellen Wurzeln in der Gesellschaft haben. Es sind Grenzen, die diesen Ländern vom Westen auferlegt wurden. Nichts funktioniert richtig, es herrscht Stillstand. Die gesellschaftlichen Unterschichten, die nie vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten, verlieren nun die Geduld.

Der Kolonialismus ist Schuld an der heutigen Misere dieser Länder?

Es ist nicht nur die Schuld des Kolonialismus. Es ist generell die Eigensicht der westlichen Welt, die meint, der Massstab aller Dinge zu sein. Die nichtwestlichen Gesellschaften sind durch unser Einmischen ab zirka 1850 durcheinandergeraten. Bei dem Versuch, westliche Standards einzuführen, spielte ein Punkt immer eine Rolle: Der Westen will bei seinem Tun stets die Macht behalten. Es ist ein Machtgefälle zwischen West und Ost. Dieses führt dazu, dass immer wieder Reaktionen aus dem östlichen Raum zu uns herüberschwappen. Die wirtschaftliche Entwicklung, die für diese Länder angestrebt wird, ist einseitig. Westliche Ideologien, Methoden und Massstäbe greifen in arabischen Ländern nicht.


Warum ist die Situation so kritisch im Nahen Osten und weniger kritisch im Mittleren sowie Fernen Osten?

Das hat vielleicht mit der Distanz zu tun. Ich erkläre: Basel und Zürich liegen sehr nahe beieinander und gerade deshalb gehen sich die beiden Städte so auf die Nerven. Die nahöstliche Kultur ist unsere Schwesterkultur, wir haben aus der Antike heraus die gleichen Wurzeln. Gerade darum ist es aufreizend, wenn diese Kultur infrage gestellt, als minderwertig bezeichnet und letzten Endes bekämpft wird.

Wir sind also nicht anders als ein Syrer oder ein Libanese?

Das ist tatsächlich so, historisch gesehen ganz klar bestätigt. Unsere beiden Zivilisationen haben nebeneinander existiert, sind verschränkt. Spanien als arabisches Land, und der Balkan als muslimisches Gebiet. Unsere Zivilisationen sind einander so nahe, dass wir uns berühren und reiben können und dass die eine der anderen als Karikatur erscheint, als Entstellung der eigenen Kultur.

Müsste sich der Westen aus allen Aktivitäten in Nahost zurückziehen?

Nein. Aber wir müssten viel sensibler handeln, anstatt egozentrisch.

Was meinen Sie mit sensibel handeln?

Begreifen, dass eine andere Zivilisation auch Rechte hat und ihr Freiraum geben. Anstatt ihnen Lebensformen, Denkweisen und westliche Kultur aufzuerlegen und wenn sie nicht spuren, mit Gewalt zu drohen. Diese Zivilisationen müssen aus ihrem eigenen Humus herauswachsen und sich entwickeln können.

Erklären Sie, warum der Westen gegenüber dem Nahen Osten egozentrisch handelt.

Jeder Politiker im Westen denkt als Erstes an die eigenen Erfolge.

Auch in arabischen Ländern gibt es kaum Machthaber, die an das Wohl der Bevölkerung denken.

Das stimmt. Und das liegt daran, dass das auferlegte System eben nicht übereinstimmt mit der eigenen Kultur. Die meisten Männer, die in den arabischen Ländern an der Macht sind, sind Menschen, die Widersprüche und Schwierigkeiten in der eigenen Gesellschaft auszunutzen wissen, um persönlich weiterzukommen.

Wie schätzen Sie die amerikanische Politik und deren Einfluss in Nahost ein?

US-Präsident Donald Trump hat keine Strategie für Nahost. Das sieht man gut am Beispiel Syrien. Dort sind es die Russen, die dominieren, eine klare Strategie haben und sich derzeit viele Militärbasen im Land sichern. Präsident Putin ist daran, sich in Syrien seinen Gewinn abzusichern. Die Amerikaner wissen im Moment nicht, was sie jetzt tun sollen.

Was hat die Religion mit den Nahost-Konflikten zu tun?

Grundsätzlich sind alle Zivilisationen an ihre Religionen gebunden. Das ist ein wesentliches Merkmal einer Zivilisation. Religion ist die einzige Komponente, die in diesen Ländern über das Lokale hinausgreift und verbindet. Je schlechter es einem Nationalstaat geht, desto wichtiger wird der Islam. Nicht als Religion, sondern als Band, das als Grundlage der Solidarität unter den Menschen dient. In dieser politischen Zusammenarbeit auf religiöser Grundlage ist am erfolgreichsten, wer am radikalsten auftritt.

Der Islam als Religion wird ausgenutzt?

Missbraucht.

Mit Radikalen meinen Sie Terroristen, die den Westen attackieren?

Ein Terrorist aus unserer Sicht ist ein Patriot aus einer anderen Sicht. Im Zweiten Weltkrieg war Charles de Gaulle ja auch kein Terrorist, sondern ein Freiheitskämpfer, ein Partisane.

Lassen Sie mich den Terrorismus so erklären: Er ist eine Folge des Misserfolges. Das sich zur Wehr setzen gegenüber den materiell, kulturell und wirtschaftlich überlegenen westlichen Staaten war immer wieder erfolglos. Ein Auflehnen mit permanentem Misserfolg treibt in den Radikalismus. Misserfolge zwingen zum Extremismus. In dieser letzten Phase einer Konfrontation wird durch Fanatismus Druck erzeugt.

Es wird also weiter gewalttätige Anschläge auf den Westen geben?

Die wird es sicherlich geben. Es kommt darauf an, wie sich die westliche Welt schützen und wie erfolgreich die Prävention werden wird. Westliche Gesellschaften organisieren sich zunehmend als Abwehrgesellschaften. Wie erfolgreich sie damit sein werden und was für Folgen das für die eigene Gesellschaft haben wird, ist unklar. Was ist der Preis für ein sicheres Zusammenleben: der Verlust der Demokratie? Zerstörung der Meinungsfreiheit? Das sind Herausforderungen für unsere Gesellschaft.

Wie soll sich Europa auf diese Situationen vorbereiten?

Es macht heute keinen Sinn mehr, eine Prognose unter Auslassung der Klimafrage abzugeben. Die Wüste wächst, Afrika wird nach Europa kommen. In wenigen Jahrzehnten wird ein grosser Teil des Nahen Ostens nicht mehr lebensfähig sein. Kuwait wird eines der ersten Länder sein, das unbewohnbar wird. Es wird also noch mehr gesellschaftliche Spannungen und Kriege geben, auch um die Ressource Wasser.

Die Zukunft sieht nicht rosig aus.

Wir befinden uns in einem Negativ-Trend. Leider. Ich sehe derzeit nicht, wie dieser Trend gebremst werden könnte.

Gedanken zum «Krieg gegen den Terrorismus», Vortrag mit Dr. Arnold Hottinger, Dienstag,
6. Februar, 19.30, Hotel Glarnerhof, Glarus.


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