Prägnant

Einladung

Mark Feldmann, Geologe, über Schuhe und das Älterwerden.

Älter werden kann Spass machen, muss aber nicht. Mit Ernüchterung wurde mir dies klar, als wir kürzlich wieder einmal bei Freunden eingeladen waren, wie dies während der Feiertage in den vergangenen Jahren doch hie und da vorkam. Die ermunternde Bemerkung der Hausdame, wir bräuchten die Schuhe nicht auszuziehen, sie hätten ja einen Steinboden, der leicht zu reinigen sei, zwang mich später zu Hause über das Älterwerden, vor allem aber über dessen Symptome, nachzudenken.

Im Moment fiel jedoch eine gewisse Spannung weg. Das Essen schmeckte jetzt gut, wo ich wusste, dass ich mich nicht zu quälen brauchte, irgendwie die Schuhbändel aufzukriegen und vor allem nicht, wie ich später am Abend mit wahrscheinlich etwas überfülltem Magen die Schuhe wieder an die Füsse und zugebunden bekommen sollte.

War es wirklich der Steinboden oder meine nicht mehr ganz so sportliche Erscheinung, welche die Gastgeberin mit weiser Vorsehung dazu bewegte, uns die Schuhe anbehalten zulassen? Das beschäftigte mich. Wie war das eigentlich früher?

Mit dem Herauswachsen aus dem Elternhaus war es für kochbegeisterte Studenten häufig normal, die Empfehlungen der Kochbücher in den Wind zu schlagen und eigene, zur Perfektion gekochte Zubereitungen zu präsentierten. Dafür brauchten sie Opfer, welche die Produkte ihrer Leidenschaft lobten. Und manchmal mussten die Opfer viel leiden, um loben zu können. Auch ich gehörte hie und da zu den Opfern, aber wir waren jung und manchmal hatten wir einfach nur «Hunger».

Mit schleichendem Älterwerden versuchte ich nur noch den Einladungen von Freude bereitenden Köchen zu folgen, bis ich eines Tages feststellte, dass sich gewisse gesellschaftliche Gegebenheiten massiv geändert hatten. Man geht zu Besuch und muss die Schuhe ausziehen. Das Argument ist meistens die Hygiene. Man will keinen Dreck von aussen. Der kostbare Holzboden wird so nicht schmutzig und kleine Steinchen zerkratzen ihn nicht. Grosszügig darf man dann Finken auslesen, in denen sich schon fast alle Pilzkulturen geküsst haben. Dieser Gedanke zwingt mich jeweils höflich abzulehnen, unter dem Vorwand, ich hätte dicke Socken an, die gäben warm genug. Dafür belegen meine füsslichen Ausdünstungen und auch die der andern Hausschuhverweigerer den wertvollen Boden mit einer menschlichen, hygienisch sicherlich unbedenklichen Patina.

Schuhe ausziehen, früher nicht denkbar, wurde für mich nun zunehmend zum Kriterium, Einladungen nicht mehr anzunehmen. Nicht wegen dem Ausziehen, nein, wegen dem Anziehen. Ergonomisch tief genug liegende Sessel, durch die auch mit kurzen Armen die Füsse noch zu erreichen sind, fehlen bei Gastgebern meistens, wie auch langstielige (!) Schuhlöffel, die einem das Leben markant erleichtern könnten. So ist die ernüchternde Erkenntnis, dass nicht mehr nur der jugendliche Heisshunger, sondern auch gereifte körperliche Macken über Freud und Leid einer Einladung bestimmen.

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