Kolumne

Mit Gruss aus Schwamendingen

Von Salome Müller, Journalistin

«Unten in der Stadt» – das sagen die Schwamendingerinnen und Schwamendinger, wenn sie Zürich meinen. Das Stadtzentrum. Sie selbst gehören aber auch zur Stadt: Schwamendingen ist ein Quartier mit rund 30 000 Bewohnern, ein eigener Stadtzürcher Kreis, der zwölfte.

 

In die Stadt gehen – das kenne ich noch aus meiner Kindheit. Egal, wo man war in Glarus, ob im Kanton oder im Hauptort, immer hiess es, «ich gehe kurz in die Stadt», «ich habe ihn in der Stadt gesehen», «in der Stadt machen sie…».

 

In Zürich, der Stadt, reden sie anders. Wenn Zürcherinnen und Zürcher einander erklären, wo der neueste Pop-up-Store steht, wo sie jenes gute Restaurant besucht haben, oder wo eine Party auf einem neu besetzten Areal stattgefunden hat, dann nennen sie vielleicht den Kreis. Sicher die Strasse. Eine Kreuzung in der Nähe. Die Tramhaltestelle. Und automatisch klappt sich im Kopf der Zuhörerin eine Zürcher Stadtkarte auf. «In der Stadt» fällt nie, man ist es ja schon immer selbst. Man ist Teil dieser Stadt, und wer sich mit den Strassennamen auskennt, der ist es: daheim.

 

In Schwamendingen war ich kürzlich, weil ich darüber schreiben sollte, ob ich hierherziehen könnte. Wenn die Mieten in der Stadt weiter steigen, wenn ich mir keine Wohnung mehr leisten kann. Wenn nur noch die Peripherie erschwinglich ist für mich.

Das Quartier hat mich an Glarus erinnert. Es gibt einen Dorfkern mit einem grossen Platz. Er ist das Herz von Schwamendingen, er heisst Schwamendingerplatz. Die Schwamedingerinnen und Schwamendinger nennen ihn, wenn sie erklären sollen, was an ihrem Quartier städtisch sei.

 

Der Dorfkern als urbanes Kennzeichen?

Eigentlich ist das ein Widerspruch. Aber eigentlich zeigt sich daran nur dies: Der Platz ist ein Ort, der belebt ist, an dem man sich begegnet und wo man sich auch kurz miteinander unterhält. Vielleicht. Das Grosse einer Stadt, das Private eines Dorfs vereint an einem Punkt.

 

Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher rümpfen die Nase über Schwamendingen. Was soll man dort? Natur gibt es doch auch auf dem Uetliberg. Was sie nicht bedenken: Würden sie Schwamendingen als Teil von sich sehen, würden sie zu einer Grossstadt anwachsen.

 

Ich habe noch nicht entschieden, ob ich nach Schwamendingen ziehen würde. Ein bisschen Natur habe ich von meinem Ausflug an den Rand aber schon einmal mitgenommen – sie klebt in Form von eingetrockneter Wiese an meinen Schuhsohlen.

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