Zukunft braucht Herkunft

Mathias Vögeli, Gemeindepräsident Glarus Süd, über Vereine und Fitnessstudios.

Kürzlich durfte ich einer Vereinigung zum 75-jährigen Bestehen gratulieren. Man stelle sich vor, diese Vereinigung wurde im Jahr 1942 gegründet, als der Alltag von Militärdienst und langen Arbeitszeiten geprägt war. Der grösste Teil des Einkommens wurde damals für die Nahrung ausgegeben. Ferien oder AHV war schweizweit noch nicht üblich. Es gab keine (Mobil-)Telefone, Fernsehapparate, Kühlschränke, Waschmaschinen oder Tumbler. In vielen Häusern gab es kein fliessendes Wasser, geschweige denn warmes Boilerwasser. Automobile waren eine Seltenheit, und das Zeitalter des Computers war noch nicht angebrochen.

In jener Zeit war das Bedürfnis nach Abwechslung des harten Alltags, aber auch nach sozialem Austausch und Kameradschaft gross. Als Aktivmitglied in Vereinen und Verbänden wurden die persönlichen Diskussionen, das Teilen von Freud und Leid sowie der Teamspirit sehr geschätzt. Die Tätigkeit als Vorstandsmitglied bot zudem die Möglichkeit, sich beruflich und politisch für höhere Aufgaben zu empfehlen. Daher erstaunt es nicht, dass die Leute damals, trotz der knapp bemessenen Freizeit, sich gerne aktiv in einem Verein betätigten.

Viele dieser Vereine gibt es noch heute. Verändert hat sich seither nicht nur die durchschnittliche Lebenserwartung von 67 auf 84,5 Jahre. Heute fehlt es an jungen Mitgliedern und vor allem an freiwilligen Vorstandsmitgliedern. Die vielen technologischen und sozialpolitischen Entwicklungen haben unsere Lebensweise zwar einfacher und bequemer gemacht. Aber die Menschen sind deswegen nicht unbedingt glücklicher oder zufriedener.

Viele glauben, sie seien nun nicht mehr aufeinander angewiesen. Wozu soll man sich in einem Verein einbinden, sich verpflichten mitzuhelfen oder gar eine Vorstandsposition zu übernehmen? Ohne Entgelt eine Arbeit zu verrichten, können sich viele nicht mehr vorstellen. Heutzutage geniesst das Geld den grösseren Stellenwert als die Kameradschaft. Oftmals wird lieber Geld in beispielsweise ein Fitnesscenter ohne Verpflichtungen investiert als in Vereine mit Übungs- und Anlassterminen.

Und dennoch sind die Vereine heute wichtiger denn je. Sie sind die Pfeiler unserer Gesellschaft und geben ein Stück «Heimat und Geborgenheit». Dörfer werden mit ihren Aktivitäten belebt. Mitglieder haben die Möglichkeit, sich freundschaftlich zu messen, zu gewinnen, zu verlieren und zu teilen. Persönliche Erlebnisse und Diskussionen fördern die Kameradschaft und inneres Wohlbehagen. Sie geben Gegensteuer zu dem teilweise egoistischen Verhalten und der schleichenden Isolation, welche selbst die sozialen Netzwerke nicht verhindern können.

Der heutige Alltag ist dank der technologischen Unterstützung zwar einfacher, aber nicht zufriedenstellender geworden. So vieles ist heute selbstverständlich, und der Hunger nach «noch mehr» ist gross. Persönliche Gespräche werden durch digitale Mitteilungen per Mail oder in sozialen Netzwerken umgangen. Virtuelles Mobbing, ständige Erreichbarkeit, der Drang mehr zu verdienen und zu erleben, übt auf die Gesellschaft einen enormen Druck aus. Genau darum plädiere ich für die Vereine. Dessen Freiwilligenarbeit kostet zwar Zeit und Mut, aber im Gegenzug erhält man reelle Freundschaften und ein Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit.

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