Wörtlich

Sehen, wahrnehmen, denken...

Im aktuellen "Lunchgespräch" hat die Glawo den Künstler Peter Jenny zum Lunch getroffen.

Die Volkshochschule Glarus hat für das Wintersemester 2017/18 eine öffentliche Vortragsreihe zur Thematik Philosophie und Ethik organisiert. Sieben hochkarätige Referenten suchen Antworten auf Grundfragen unseres Lebens. In der «Glarner Woche»-Serie «Lunchgespräche – schwer Verdauliches am Mittagstisch» stellen sich die Referenten vor. Mit dem emeritierten Professor für Bildnerisches Gestalten der ETH Zürich, Peter Jenny, sprach Beate Pfeifer.

Peter Jenny, was nehmen Sie zum Lunch?

Ich nehme die Bratwurst vom Glarner Alpschwein – von welcher Alp auch immer. Das gibts bei mir zu Hause nicht.

Wie wichtig ist Essen für Sie?

Ich gehöre zu denen, die sich aufs Essen freuen. Das einzige Atelier, das alle Menschen haben, ist doch die Küche. Es gibt ein Büchlein von mir: Wahrnehmungswerkstatt Küche. Und in der Kunst gibt es eine Reihe von Künstlern, die sich mit dem Essen beschäftigt haben, zum Beispiel Daniel Spörri. Er hat ein grosses Festessen gegeben und dann die Teller an die Wand genagelt. Das war zunächst eine Provokation. Dann war es eine Herausforderung für die Restauratoren – weil die Mäuse sich an den Werken vergriffen haben. Oder denken sie an Andy Warhol mit seinen Büchsensuppen. Essen war immer ein Thema. Man spricht ja auch von Kochkunst.

Ihr Vortrag trägt den Titel: Jeder Mensch war ein Künstler. Warum «war»?

Joseph Beuys war ein grosser Sprücheklopfer und er hat gesagt: «Jeder ist ein Künstler.» Das heisst, wenn jeder ein Künstler ist, ist niemand mehr ein Künstler. Das ist aber nur ein Spruch. Ich definiere am Vortrag, warum jeder ein Künstler ‘war.’ Dieses Geheimnis möchte ich aber erst am 7. November lüften.

Können Sie erklären, was Kunst ist?

Ich definiere Kunst provokativ: Ich sage, Kunst wäre alter Wein in neuen Schläuchen. Dann kommen jeweils die Kunstkritiker. Aber, Kunst hat immer dieselben Themen: Zusammenleben, Kommunikation, Liebe, Schönheit, Tod. Das ist der alte Wein. Die neuen Schläuche sind die Formen, die wechseln.

Man sagt, Kunst liegt im Auge des Betrachters?

Es gibt ein Bild von Hauser Johann. Er hat Sophia Loren mit Kind, die Maria schlechthin, gemalt. Er hat aus seinem Bedürfnis heraus ein wunderbares Bild geschaffen. Das ist Kunst. Sein Bedürfnis war die fehlende Frau. Sie werden kein besseres Bild von Sophia Loren finden als das von Hauser.

Heisst das, dass nur jemand künstlerisch etwas schaffen kann, wenn er ein Bedürfnis hat?

Ja, er muss ein Bedürfnis haben. Ich würde sogar sagen, nicht nur Bedürfnis, er muss eine Obsession haben. Wenn die Obsession da ist, kann etwas gelingen, was ihn abhebt vom Belanglosen, vom Seichten. Sie können ohne Weiteres jemanden so weit bringen, dass er wirklich alles zeichnen kann. Aber das nützt ihm nichts, wenn er nicht alles denken kann. Kunst ist einfach eine andere Form, etwas anders zu denken.

In Ihren Büchern geht es immer wieder um Wahrnehmung, darum, Dinge anders zu sehen. Meinen Sie das?

Ja. Banale Gegenstände, kaum beachtete Utensilien – wenn man diese Dinge mit Fantasie und Spielfreude ansieht, kann man viel entdecken. Unser wichtigster Werkstoff ist die Neugierde. Kunst kommt nicht von Können, sondern von Neugierde.

Aber es gibt auch Kunst, die sich einem Betrachter nicht unbedingt erschliesst?

Mit dem Wissen der Kunst kann ich vieles erklären. Früher habe ich meinen Studenten alles erklärt. Das mache ich nicht mehr. Die jüngeren Menschen, wenn die etwas wissen wollen, dann googeln sie sofort nach. Natürlich kann ich bei meinen Vorträgen und in meinen Büchern auf das Erklären nicht ganz verzichten. Denn ich werte ja auch, und diese Wertung kommt durch.

Doch es gibt Kunst, die zu utopischen Preisen gehandelt wird und andere, die nichts wert ist, zumindest nicht in finanzieller Hinsicht?

Was uns fehlt, ist ein gemeinsamer Kulturbegriff, also weichen wir auf das aus, was uns verbindet – und das ist Geld. Der gemeinsame Kulturbegriff ist also Geld. Geld können Sie übersetzen.
Stellen Sie sich vor, in Glarus, in der Burgstrasse bei einem Augenarzt, hing ein Bild von Picasso. Jeder hätte es nehmen können. Dieses Bild geht jetzt nach Budapest. Es wurde für die Ausstellung mit 100 Millionen versichert. Das Bild ist gar nicht mehr sichtbar. Diese 100 Millionen bringen Sie nicht mehr aus dem Kopf weg.

Wofür braucht man überhaupt Kunst, man kann doch auch gut ohne leben?

Kunst braucht man! Jetzt mal abgesehen vom Besitzenwollen ist Kunst auch kostengünstig. Sie können für ein paar Franken überall in der Welt ein Kunsthaus besuchen. Dort entdecken Sie etwas, nehmen etwas wahr. Wahrnehmung ist eine Form, ist etwas Überlebenswichtiges, Archetypisches. Sie können, wenn Sie sich auf Bilder einlassen, praktisch zum Nulltarif Erkenntnisse gewinnen, einfach aus Freude. Und sie sehen die Welt plötzlich anders aus einer anderen Perspektive.

Und was gibts zum Dessert?

Einen Espresso, bitte.

 

Vortrag «Jeder Mensch war ein Künstler» von Peter Jenny, am Dienstag, 7. November, 19.30 Uhr, Hotel Glarnerhof Glarus.
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