Prägnant

Kuscheln und Kuschen

Journalist Ueli Weber über die Kuscheljustiz und das Kuschen. Die neue Kolumne der "Glarner Woche".

Es ist jetzt schon einige Wochen her, seit der Vater eines bekannten Schweizer Asylpolitikers wegen Rassendiskriminierung verurteilt wurde. In einem Dok-Film des SRF spazierten die beiden durch den Glarner Volksgarten und lästerten über die vie- len schwarzen Menschen, die ihnen über den Weg liefen. Der Vater sagte dabei Folgendes: «Da kommen wir gerade wieder auf Schwarz. Da siehst du wieder ein paar. Da ist auch wieder ein kleiner Teil der Auswahlsendung. Vielfach sind sie fast barfuss, werfen Zeug herum, lassen alles liegen, wie die Hühner den Dreck. Es hat Anständige darunter, wie auch überall – es sind auch Leute, im Grunde genommen.» Danach erzählt der bekannte Asylpolitiker, dass es früher mittags am Küchentisch ruhig sein musste, wenn die Nachrichten im Radio liefen. Und dass er die Töffli seiner Italiener-Kollegen flickte. Als eine schwarze Frau mit ihrem Kinde vorbeiläuft, sagt sein Vater noch: «Jetzt kommt wieder so ein Stammeshäuptling». Dann Schnitt, Szenenwechsel.

Nachdem die Sendung ausgestrahlt wurde, zeigte jemand den Vater des berühmten SVP-Politikers bei der Staatsanwaltschaft Glarus an. Was dieser gesagt hat, ist daneben, finde ich. Und dass ein gut integrierter Herr aus Eritrea im Bild zu sehen war, der gerade Pause von der Arbeit machte, war ziemlich ironisch. Aber sind seine Äusserungen tatsächlich genug schlimm, um ihn dafür zu verurteilen?

Nebenbei: Als er jung war, hatte der Zirkus Knie noch eine Völkerschau im Programm: «Afrika ruft, Sitten- und Völkerschau. Neger aus dem Sudan. Sechs Männer, drei Frauen, zwei Kinder.» Dass er nicht mal Neger gesagt hat, könnte man vor diesem Hintergrund schon als Erfolg ansehen. Die Alten haben es ja auch nicht einfach, immer auf dem neuesten Stand der politischen (Un-) Korrektheit zu bleiben: Meine (sonst sehr liebe) Nachbarin fluchte letzthin über diese «huere Drecks-Tschinggen», als das Kosovaren-Kind von nebenan aus Versehen einen Tschuttiball auf ihren Vorplatz schoss. Albaner nennt man imfall «Schippis».

Am selben Tag, an dem der «Tages-Anzeiger» über den Strafbefehl berichtete, erschien in der «Südostschweiz» ein Bericht über einen mehrfach vorbestraften jungen Glarner, der einem Kollegen gedroht hatte, er werde ihm eine Keule über seine «schwule Junkie-Birne» ziehen und ihn dann mit einem «gekonnten Kehlenschnitt erlösen». Weil er noch in der Bewährungszeit eines schweren Gewaltverbrechens war, wollte ihn die Staatsanwaltschaft dafür wieder ins Gefängnis schicken. Ins Gefängnis musste er aber nicht, denn es lagen «besonders günstige Umstände» vor: Er ist weggezügelt und hat Arbeit gefunden. Die versuchte Drohung war laut dem Gericht «eine ver- meintlich harmlose Kurznachricht».

Was mich an den beiden Fällen stört: Dem SMS-Droher wurde alles Mögliche zu sei- nen Gunsten ausgelegt. Während beim Vater des Politikers wohl eher das Gegenteil geschah, wenn man seine Äusserungen an- sieht. Das ist unfair, finde ich.

Gegenüber der «Südostschweiz» sagte der Vater des Asylpolitikers, er sei «enttäuscht» von der Schweizer Gerichtsbarkeit. Ansonsten wollte er sich nicht zum Strafbefehl äussern: «Kein Kommentar.» Dann hängte er den Hörer auf. Den Strafbefehl hat er nicht angefochten, darum kommt der Fall nicht vor ein Gericht. Vielleicht hätte er das tun sollen, und die von der SVP oft gescholtene «Kuscheljustiz» hätte ihm geholfen.

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