Rubrik: Kolumne

Kolumne

Von dem, was bleibt

Journalistin Salome Müller hat beim Coiffeur zugehört, statt erzählt. Die neue Kolumne der «Glarner Woche».

 

Von Coiffeurbesuchen sagt man, man gehe hin und schütte, während einem die Haare geschnitten werden, sein Herz aus. Endlich ist da jemand, der zuhört. Der zuhören muss: Der Coiffeur, die Coiffeuse ist, wie man selbst, an diesen Stuhl gefesselt, und eine Stunde lang ist man ein Paar, von dem einer ständig um den anderen herum tanzt.

Es war aber anders.

Ich kannte die Angestellte nicht, sie arbeitet erst seit Kurzem im Coiffeursalon, in den ich regelmässig gehe. Als ich hereinkam, war sie mit einem Kunden beschäftigt, zehn Minuten gehe es noch, sagte sie. Dann wies sie mir einen Stuhl zu, ich setzte mich.
Wir waren allein im Salon, es war nach Feierabend. Kurz besprachen wir, was sie machen soll, waschen, schneiden, föhnen, und dann fragte sie mich, ob ich später noch ausgehen würde. Ich verneinte und fragte, ob sie denn noch gehe. Sie schüttelte den Kopf, sie sagte, sie habe Angst. Angst? Wovor?

Generell.
Sie habe grad eine schwierige Phase hinter sich, in einem Monat ziehe sie aber zum Glück um. Aus der jetzigen Wohnung in eine eigene. In der jetzigen wohnen ihr Exfreund und dessen Vater, ein Alkoholiker, der schon versuchte, sie zu berühren, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Sie glaube, er könne einfach nicht allein sein, sagte die Coiffeuse, und habe ihm gesagt, sie wolle keinen wie ihn, sie wolle jemanden in ihrem Alter. Sie ist 23. Der Exfreund sei ein lieber Mensch, er hat nie einen Beruf gelernt, er brach die Lehre ab, blieb den ganzen Tag daheim, und heimkommen und ihm dann die Wäsche machen, das wolle sie nicht mehr. Sowieso sei sie nach der letzten Beziehung zu schnell in die nächste geraten.
Der vorige Freund war Italiener, und plötzlich ging der ins Puff, weil er noch andere Frauen haben wollte. Dann warf er sie aus der Wohnung, und sie ging wieder zurück zu ihrem Vater, der sie rausgeschmissen hatte, damals, als sie 17 war, kiffte und für die kleinen Brüder ein schlechter Umgang war, wie der Vater glaubte. Dann wohnte sie mit einem Messie, sie bezahlte 400 Franken für ihr Zimmer, den gesamten Lehrlingslohn, manchmal konnte sie sich nichts zu essen leisten. Sie hörte, wie der Messie Tierpornos schaute und seine Freundin Sextelefonate anbot, während sie am Computer Glücksspiele machte.

Diese schwierige Phase – die Coiffeuse meinte damit ihr bisheriges Leben.

Der Bruder wurde drogensüchtig, fand keinen Job. Sie selbst hat eine Lehre als Hotelfachangestellte abgebrochen, sie habe das nicht durchziehen können, sie wollte diesen Beruf einfach nicht.
Ich versuchte, etwas Schönes in dieses Gespräch zu bringen, ich sagte, dass sie nun bald ihre eigene Wohnung habe, ihr eigenes Geld verdiene. Sie dürfe stolz auf sich sein.

«Vielleicht», sagte sie.

Dann zeigte sie mir ein paar ihrer Tattoos und versprach mir, dass das Stechen gar nicht wehtue. Nur ein bisschen piksen.
Wie soll sie auch solchen Schmerz noch fühlen? Er ist lokal, hat eine klare Ursache und vergeht wieder. Anderes bleibt. Angst etwa.

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