Rubrik: Kolumne

Kolumne

Crisi im Belpaese

Kulturpreisträger Robert Jenny wagt einen Exkurs nach Italien. Die neue Kolumne der «Glarner Woche».

Am Wetter lag es nicht, wenn die Stimmung in bella Italia eher gedrückt war, an diesen Ostern. Der Himmel strahlte über dem südlichen Arkadien, wo zwar noch nicht die Zitronen blühn, aber doch die Olivenbäume schon ihre Knospen treiben.

Das System

Es mag teils an trübseligen Statistiken liegen: an die zwölf Prozent allgemeine und 34 Prozent Jugendarbeitslosigkeit (im Süden weit mehr), tiefes stagnierendes Wirtschaftswachstum und eine Staatsschuld um 133 Prozent des BIP. Oder auch an drohenden Firmenpleiten nationaler Ikonen wie der ältesten Bank der Welt Monte dei Paschi und zum x-ten Mal Alitalia. Verschoben auch der politische Neustart nach dem Flop des Referendums zur Änderung des Wahlgesetzes, die endlich mehr politische Stabilität bringen sollte – mittlere Lebensdauer von 63 Regierungen seit 1945 = knapp 14 Monate! Diese Unfähigkeit eines offenbar gottgegebenen Systems, etwas Grundlegendes zu ändern, führt zu Verweigerung gegenüber einem Staat, dem es bei Gelegenheit ein Schnippchen zu schlagen gilt, weil er in der Wahrnehmung der Bürger mit Bürokratie und Korruption mehr zu nehmen als zu geben scheint. Die Missstimmung mag auch zur sinkenden Bambiniproduktion der Italiener beitragen – es würde eine weit ärmere Welt, sollten sie einst aussterben!

Die Realität

Unser Freund Antonio sagt von «denen da oben» in Rom «sono tutti criminali», während sein Vater früher nur von Dieben sprach: «sono tutti ladri.» Was Antonio allerdings nicht hinderte, damals auf Berlusconi zu setzen, denn «der wisse, wie man grosses Geld mache und könne dies auch für Italien tun». Unterschwellig schimmert wohl auch ein bisschen Nostalgie für eine starke Führerfigur à la Duce durch. Antonio betreibt einen kleinen Kiosk, der unter dem Internet leidet, aber auch unter allen möglichen kreativen Gebühren der Gemeinde. Bei einer Mehrwertsteuer von 22 Prozent blüht die schwarze Wirtschaft – man muss sagen glücklicherweise – und wahrscheinlich ist dies ja auch im teils prohibitiven Steuersystem so einberechnet. Nun fand Antonio einen Halbtagsjob, der bei einiger Verantwortung gerade 7 Euro 50 pro Stunde einbringt. Die Lebenskosten sollen gemäss Statistik zwar massiv tiefer sein als in der Schweiz – doch etwa bei Lebensmitteln stimmt dies nur selektiv, bei manch anderem kaum.

Die Nation

Spätestens nach Wahlen im nächsten Frühling folgt das 65. Governo seit Kriegsende. Gut möglich, dass der Wahlsieger ein Berufskomiker sein wird, der sich bis anhin vor allem mit Polemik hervorgetan hat. 146 Jahre nach Abschluss des Risorgimento bleibt das in zwei Welten von Nord und Süd gespaltene Italien eher ein geografischer denn ein nationaler Begriff, obschon auch kleinste Städtchen eine Piazza Garibaldi und eine Via Cavour oder Vittorio Emanuele haben. Vielleicht liegt gerade da eine Faszination dieses wunderbaren Landes. Denn die Summe früherer Klein- und Stadtstaaten mit grossartigem Kulturerbe ist weit mehr als das bis heute nur halbwegs funktionierende Konglomerat einer vereinigten Italianità. Viva Italia, viva sua diversità!

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