Kolumne

Detective Columbo sitzt an der Kasse

Wie Journalist Ueli Weber zum Langfinger wurde. Die neue Kolumne der «Glarner Woche».

Vor einiger Zeit stand ich mit meinem Einkaufswagen an der Kasse. Ich hatte vor, die Hälfte meines Einkaufs nicht zu bezahlen. Ein Freund, der bei der Detailhandelsfirma arbeitet, hatte mich engagiert. Einen Testkauf nannte er das – es ging darum zu testen, ob sich der Kassier bescheissen lässt. Ich war nervös. Weder der Kassier noch die Kunden in der Schlange wussten, dass ich kein richtiger Dieb war.

Ich hatte klare Vorgaben, wie ich den Laden bescheissen sollte. Dabei lernte ich einige gute Tricks für spätere, echte Gaunereien. Zum Beispiel musste ich einen Sechserkarton teuren Wein in meinen Wagen stellen. Eine Flasche tauschte ich mit einem billigeren Wein aus dem Regal aus. An der Kasse sollte ich den Karton im Wagen lassen und nur die billige Flasche zum Scannen herausreichen. Ein Pack Kaugummi rutschte hinter den Weinkarton. Dann hängte ich eine Jacke aus dem Laden über den Griff des Einkaufwagens, als ob sie mir gehörte. Sechs Mineralflaschen verstaute ich unten im Wagen. Die würde ich vergessen, aufs Band zu legen. Dazu kamen noch einige zerdrückte Erdbeeren. Die dürften mir eigentlich nicht verkauft werden. Ich sollte bessere, unzerdrücktere Erdbeeren angeboten bekommen – auch wenn ich vorher versucht hatte, den Laden zu bescheissen.

Ansonsten sollte ich einkaufen «wie ein normaler Mensch», sagte mir mein Auftraggeber. Ich legte also Spezial-Hundefutter für kleinwüchsige Hunde in meinen Einkaufswagen, eine Riesenflasche Champagner, ein Kochbuch (Kochen mit Superfoods) und zwei Tiefkühlpizzas. Dann schob ich meinen Wagen zu Kasse zwei. An Kasse drei standen zwar weniger Kunden an, aber das war nunmal mein Auftrag.
Mein Auftraggeber stand total unverdächtig bei der Kasse und starrte an die Decke. Ich wollte ihm schon konspirativ zunicken. Aber er blieb total unberührt und ging ins Büro. In dem Laden hatte es einen dieser Spiegel, die man aus Detektivfilmen kennt: Er konnte die Kasse vom Büro aus beobachten.

Ich stand also an der Kasse und wusste, dass man mich erwischen musste – so plump waren mein Bescheiss-Versuche. Ich hatte Angst, dass es eine Szene geben würde. Andererseits wusste ich auch, dass der Kassier Probleme bekäme, wenn er mich nicht erwischen würde. Das wollte ich eigentlich auch nicht.
Weder das eine noch das andere geschah. Hinter der Kasse sass nämlich der Detective Columbo unter den Kassierern: Er stellte sich blöd, durchschaute aber jede meiner Gaunereien. Als ich ihm eine der Weinflaschen zum Scannen reichte, bat er mich, doch den ganzen Karton auf die Kasse zu reichen. «Wissen Sie», sagt er mir, «manchmal kommen die Weinflaschen etwas durcheinander.» Und tatsächlich: Auch bei meinem Karton war das passiert! Ich nahm dann halt auch die billige Flasche, das war schon in Ordnung. Und als ich auf seinen Hinweis hin merkte, dass die Jacke am Griff auch aus dem Laden war, wies er mich freudig darauf hin: «Schauen Sie, die Jacke ist sogar Aktion!» Was ich doch für ein Glück hatte … So ging das weiter, Kassen-Columbo deckte jede meiner Gaunereien mit einem freundlichen Lächeln auf. Zu meiner Erleichterung schnauzte er mich nicht an und rief nicht die Polizei – er bot mir sogar bessere Erdbeeren an. Als er durch war, hatte Columbo, wie üblich, noch eine letzte Frage: «Zahlen Sie bar oder mit Karte?» Das war mein Stichwort. Ich sagte ihm, das war ein Testkauf. Columbo verzog keine Miene. Ich fragte ihn: «Haben Sie’s gemerkt?» Columbo blieb professionell: «Ach wissen Sie, dafür werden wir ausgebildet.» Gekonnt ausgewichen. Mein Auftraggeber gab ihm eine gute Bewertung. Und ich erkannte: Der Laden will kein Theater, er will nur mein Geld.

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