Familie Wehrli

Richard Wehrli wohnt mit seiner Frau Gabriela und den beiden Kindern Lionel (3) und Runa (6) am Ölberg in Ennenda. Er gebürtiger Zürcher, sie Urnerin, wohnen seit rund zwölf Jahren in einem alten Haus abseits jeglichen Durchgangsverkehrs. Gabriela ist Kindergärtnerin, Richard hat drei Ausbildungen absolviert: als Lehrer, Regisseur und als Kulturmanager.

Richard Wehrli, warum wohnen Sie im Glarnerland?

Ursprünglich wegen der Liebe. Meine Frau Gabriela fand hier eine Stelle als Kindergärtnerin. Und da mein Vertrag am Luzerner Stadttheater, wo ich als Regie-Assistent und Regisseur tätig war, auslief, entschlossen wir uns vor rund zwölf Jahren zu einem Umzug nach Ennenda.

Und was gefällt Ihnen hier besonders?

Die schöne Landschaft, die Berge – und dass es keinen Nebel hat. Wer von Luzern kommt, geniesst das doppelt.

Was macht Ihnen Mühe?

Die Strukturen dürften im Glarnerland familienfreundlicher werden. Vor allem, wenn beide Elternteile arbeiten wollen oder müssen, haben sie es hier nicht einfach. Das Gleiche gilt für Alleinerziehende. Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung muss besser werden. Da ist der Kanton gefordert. Auch attraktive Teilzeitstellen gibt es wenig. Da ist die Industrie gefordert.

Den Glarnern sagt man nach, konservativ zu sein. Als links-grüner, kulturell tätiger Intellektueller dürfte Sie das auch stören…
Das stimmt gar nicht. Die Glarner sind offener als die Leute in vergleichbaren Bergkantonen, wie etwa im Kanton Uri. Dies, weil die Industrie hier so bedeutend ist und daher der Ausländeranteil schön hoch. Das zwingt die Glarner, mit Fremdem umzugehen. Klar, in eidgenössischen Abstimmungen stimmt der Kanton zum Teil konservativ ab, aber die Landsgemeinde erlebe ich meist als sozial und aufgeschlossen.

Rot-grün ist aber doch vielen Glarnern noch immer suspekt!?

Die Entscheide innerhalb der Gemeinde oder des Kantons werden in der Regel nicht parteipolitisch gefällt. Sobald es konkret wird, findet man einen guten Konsens. Ich fühle mich jedenfalls mit meiner politischen Einstellung nicht als Aussenseiter. Viele Leute denken gleich wie ich. Kommt hinzu, dass ich als Einzelner etwas bewegen kann, nicht nur mit Memorialsanträgen an die Landsgemeinde.

Wie sonst noch?

Alles ist übersichtlich. Niemand geht in einer Menschenmenge unter. Man kennt einander. So kann ich den Bildungsdirektor auf der Strasse ansprechen und ein Anliegen deponieren. Ich kann als «normaler Bürger» mitreden, wenn es etwa ums Verkehrskonzept geht.

Diese Kleinheit bringt aber auch Nachteile: Das kulturelle, ja das Vergnügungsangebot allgemein kann nicht gleich gross sein wie in einer Grossstadt.

Kulturell läuft im Kanton wirklich sehr viel, wenn oft auch unkoordiniert. Vieles läuft gleichzeitig und nur einmal. Und es hat kleine Lücken wie beim Kinder-Theater, bei Kinderfilmen oder beim Tanz. Doch was ich hier verpasse, hole ich mir in Zürich. In einer Stunde bin ich dort. Das ist heute doch keine Distanz mehr. Auch das gefällt mir an Glarus: Ich wohne auf dem Land und bin doch nicht so abgelegen wie in einem Bündner Seitental.

Und punkto Ausgang?

Da hat es alles, was wir als junge Familie brauchen.

Und wie steht es mit dem Einkaufen? Für grosse Möbelhäuser, Media-Markthallen oder riesige Einkaufszentren muss man in andere Kantone.

Am liebsten kaufe ich sowieso im Quartierladen ein, den es in Ennenda zum Glück ebenso noch gibt wie eine Metzgerei und zwei Bäckereien. Wir sind eine öV-Familie und daher froh um nahe Einkaufsgelegenheiten. Braucht es einmal etwas Grösseres von auswärts, leihen wir uns eben ein Auto. Ich fahre hauptsächlich Velo und mit den Öffentlichen und bin als Mitglied von Mobility ein Autoteiler.

Quelle: «Die Südostschweiz»