Kolumne

Was macht ä Glarner Tropfe z Schottland?

Von Mark Schiesser

Mein Bruder und ich waren letztes Jahr unterwegs in Schottland, um einige der zahlreichen Whisky-Destillerien zu besuchen, aber auch Land und Leute zu erkunden.
Wir beide gönnen uns ab und zu mal gerne einen Single Malt, weil dieses «Lebenswasser» (der Name kommt vom Gälischen Uisge Beatha und wird übersetzt auch so genannt) aus einer einzigen Brennerei stammt und kein Verschnitt aus mehreren Sorten ist.
Natürlich fuhren wir nicht los, ohne uns zuvor mit heimischem Edelsprit wie Martinsloch, Glärnisch Wasser oder Föhn-Sturm – der stammt zwar aus Appenzell – einzustimmen.
Weil das schottische Nationalgetränk schon über Jahrhunderte im ganzen Land liebevoll hergestellt wird und die Brennereien der verschiedenen Regionen auch einzigartige Eigenschaften und Geschmäcker produzieren, sind wir im Land voller Mythen, Geschichten und wunderschöner Natur recht viel und weit herumgekommen.
Nachdem wir in der Region Speyside und somit im Herzen der schottischen Whisky-Industrie am aktuellen Produktionsstandort der Chivas Blends, in Keith, vorbeikamen, war auch ein Besuch beim Hauptsitz der Chivas Brothers Ltd. eingeplant. Dieser befindet sich in Paisley. Die Stadt ist sozusagen ein Vorort von Glasgow und liegt in den Lowlands von Schottland.
«Jetzt lueg au da», hab ich mir gedacht, als ich die Ortstafel sah, «was macht ä Glarner Tropfe z Schottland?» Da musste ich mich doch bei einem Glas Whisky schlau machen. Bekannt geworden ist die fünftgrösste Stadt scheinbar durch das nach ihr benannte Paisleymuster, das auch unsere Glarner Tüechli und vieles mehr auszeichnet. Was manche an einen Tropfen erinnert, symbolisiert also eine «Palmette» aus dem Orient. Ein eingerolltes Palmblatt, wie ein grosses Komma, das übrigens auch an das Fischblasen-Ornament der Gotik erinnert.
Der Ursprung liegt also im alten Persien, wo es als stilisiertes Blumenmuster in Teppichen und Textilien eingesetzt wurde. Das Motiv war bis zu den Kelten verbreitet, wurde dort aber wieder von griechischen und römischen Ornamenten verdrängt. Es heisst auch, dass das semitische Volk mit dem Motiv offenbar den Spross der für sie überlebenswichtigen Dattelpalme abbildete. Wenn mein Grosi selig mir als Knirps sagte: «Butz d’Nase mit em Fazeleetli, nüd mit de bare Händ», da hab ich mir noch keine Gedanken über das populäre Muster gemacht.
Und eben dieses wurde über die Zeit weiterverbreitet, bis es den Weg nach Indien fand. Von dort wurde es dann um 1750 von britischen Soldaten aus der Kolonie Indien nach England gebracht. Und weil sich die Glarner Textilunternehmer nie zu schade waren, beschwerliche Reisen in die Abnehmerländer auf sich zu nehmen, kam es durch die frühe Handelstätigkeit auch ins Glarnerland, wo es zum Markenzeichen wurde.
Für mich ist das quadratische Glarner Tüechli, das bekanntlich auch dank der Fabrikantenfamilie Blumer (jetzt) in Nieder-?urnen – «ebä det, wo ich ufgwachse bi» – seit über 190 Jahren im Zigerschlitz hergestellt wird, «da lueg i druf», nicht nur ein ständiger Begleiter, sondern auch immer noch ein nachhaltiges Stück Heimatgeschichte. Ist doch interessant, was man auf einer Whisky-Tour alles so dazulernt. Proscht, oder wiä d Schotte ebä säged: Slànte Mhath.


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