Persönlich

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Starker Umgang mit dem Schicksal

Seit dem 18. Lebensjahr ist Severin Rhyner mehrheitlich mit dem Rollstuhl unterwegs. Das hindert ihn jedoch nicht daran, ständig und selbstständig mit den öV unterwegs zu sein.

Von Barbara Bäuerle-Rhyner

Jedes Wochenende ist Severin Rhyner in der ganzen Schweiz unterwegs. Mit dem Zug bereist er Städte, Ortschaften und besucht Fussballspiele. Wohin es ihn verschlägt, entscheidet er, je nach Wetter,  meist am Vorabend, damit er sich bei der Hotline der SBB nach unzugänglichen Bahnlinien oder Bahnhöfen, bei denen er auf Hilfe angewiesen ist, erkundigen und anmelden kann. Seine Ausflüge und Reisen geniesst er in vollen Zügen – und im Rollstuhl.
Das war nicht immer so. Als Jüngster von vier Geschwistern verbrachte Severin eine unbeschwerte Kindheit auf dem elterlichen Bergbauernhof in Elm. Aufgrund vermehrter Schwierigkeiten beim Laufen und diverser Untersuchungen wurde ihm in seinem 10. Lebensjahr erstmals von einem Arzt offenbart, dass er mit 20 nicht mehr laufen könne. Was zunächst für die ganze Familie unvorstellbar schien, entpuppte sich als Tatsache; seit seinem 18. Lebensjahr ist Severin mehrheitlich mit dem Rollstuhl unterwegs. Zwar kann er unter grossen Anstrengungen noch einige Schritte gehen – damit das möglichst lange so bleibt, trainiert der junge Mann täglich seine Muskeln.
Dass bis heute keiner der zahlreichen Ärzte, Spezialisten und Fachleute, die er aufgesucht hat, klar sagen kann, worunter er leidet, damit hat er sich arrangiert. Auch wenn die wahrscheinlichste Vermutung eines Impfschadens sich immer mehr herauskristallisiert, hadert er nicht mit seinem Schicksal: «Ich bin so, wie ich bin, daraus mache ich das Beste.»
Nachdem er selbst nicht mehr seinem grossen Kindheitshobby, dem Fussballspielen, frönen kann, lassen sein Wissen und seine Kenntnis über die nationale, beziehungsweise internationale, Welt des Fussballs keinen Zweifel an seiner Begeisterung dieses Sports offen. Als Mitglied beim FCB studiert er die Spiele, kennt alle Spieler und ist informiert über die aktuellsten, aber auch geschichtliche Geschehnisse rund um den Fussball.
Eine faszinierende und gleichzeitig nachdenklich stimmende Ruhe und Kraft gehen von dem begeisterten Fan aus. Sein gutes Gedächtnis stellt manch anderes in den Schatten. «Sir Alex Ferguson war 27 Jahre lang Trainer bei Manchester United, das ist mit Abstand die längste Zeit eines Trainers bei der gleichen Mannschaft», gibt er bei einer am Familientisch entstandenen Diskussion um einen Trainerwechsel ruhig preis.
Beeindruckend und beispielhaft lebt und macht der 27-Jährige, was in seinen Möglichkeiten steht und ihm Freude bereitet. Seit 2008 arbeitet er beim Glarner Steg. Nach seiner Ausbildung zum Koch zunächst sechs Jahre in der Küche. Mit den wachsenden Einschränkungen wurde dies leider zu gefährlich. Seit vier Jahren ist er mit einem 80-Prozent-Pensum (einen Tag wöchentlich hat er Therapie) am Webstuhl tätig.
Nebst Winterthur, Chur und Basel gehört auch Zermatt zu den aktuell besuchten Destinationen. Die fünf Stunden Hin- und am gleichen Tag so viele Stunden Rückweg waren für ihn auf jeden Fall lohnenswert: «Das Matterhorn ist ein wunderschöner Berg, es so nah und gross zu sehen, war beeindruckend!»
Seine Selbstständigkeit lässt keine Zweifel offen, dass er es sich auch vorstellen könnte, mehrere Tage zu verreisen oder gar alleine zu leben. Mit dem Eierverkauf seiner derzeit 42 Hühner bessert er seine eingeschränkten finanziellen Mittel auf. Dabei freut er sich über seine grosse Kundschaft bestehend aus dem Dorfladen, Restaurants und vielen Privaten. Seine Grossmutter hat ihm dereinst ihre sechs Hühner weitergegeben, seither ist dies Severins Geschäft. Er ist für Futterbesorgung, Hühnerkauf und Eierverkauf zuständig. «Nur das Füttern übernehme mittlerweile ich, da er mit dem Rollstuhl nicht mehr in den Stall hineinkommt», so Mutter Vreni.
Ansonsten ist er bisher auf seinen Reisen überall hingekommen. Vor allem die Organisation einer Hilfsperson durch die SBB im Falle eines zu grossen Abstandes zwischen Perron und Zug klappt stets einwandfrei. Denn Severin reist gerne allein. «Dann muss ich auch auf niemanden warten», witzelt er und verdient Bewunderung für seine Lebenshaltung.

Persönliches

Vorname, Name
Severin Rhyner
Alter, Sternzeichen
27, Stier
Wohnort
Steinibach, Elm
Beruf
Gelernter Koch, Weber
Interessen und Hobbys
Reisen, Hu?hner, FCB
Liebster Ort im Kanton und in der Welt
Elm, Wallis, Zermatt
Lieblingsessen
Pizza Hawaii, am besten schmeckt die auf dem Titlis
Lieblingsmusik
Guns n’ Roses
Grösstes Anliegen
Wieder einmal laufen zu können (auch wenn ich weiss, dass dies vermutlich nicht geschehen wird)

 


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